von | 14. August 2020

WIE ABWECHSLUNGSREICH MEIN PRAKTIKUM WAR UND WAS ICH AUS MEINER ZEIT IM HANDWERK MITNEHME

Allgemein, Praktikum | 0 Kommentare

Von Lisa Miller

Beginnen wir diesen Beitrag doch mal mit einer typischen Floskel: Wie schnell die Zeit vergeht. Ein Klischee, aber dennoch wahr. Seit 6 Wochen bin ich schon hier, das Praktikum ist abgeschlossen! Irgendwie fühlt es sich gar nicht so lange her an, seit ich meinen ersten Tag hier hatte… und irgendwie dann aber doch. Ich habe mich mittlerweile richtig eingelebt und bin es gewohnt, das Team um mich zu haben. Der Gedanke, dass ich ab nächster Woche nicht mehr jeden Tag in der Werkstatt arbeite und meine jetzigen Kollegen nicht mehr täglich sehe, ist, um ehrlich zu sein, wirklich komisch. Mein Abstecher ins Handwerk ist damit fürs Erste vorbei und obwohl ich mich sehr auf mein Studium und alles was kommt freue, bin ich doch etwas traurig, die Möbelmacher schon wieder zu verlassen.

Aber noch ist es ja nicht so weit und seit meinem ersten Beitrag habe ich noch so einiges dazugelernt und weitere Einblicke in verschiedene Bereiche der Firma erhalten.

In der Werkstatt habe ich viel Zeit damit verbracht, die Brotzeitbrettchen, die ich geschliffen und gestempelt hatte, zu ölen (Wer sich noch an den letzten Beitrag erinnert: ja, erwischt, ich habe gelogen. Nach dem Schleifen und Stempeln waren sie natürlich noch nicht ganz fertig.). Da ich im Vorhinein noch einen ganzen Schwung neue Brettchen geschliffen habe, war dieser Prozess durch die Menge, die zu ölen war, ziemlich langwierig. Insgesamt müssen es circa 30 Brettchen gewesen sein! Noch dazu kommt natürlich, dass der Prozess mehrschrittig ist. Als Erstes muss nämlich grundiert und dann noch einmal abschließend geölt werden.

Beim Schleifen der neuen Schneidebrettchen ist mir übrigens aufgefallen, dass ich wohl doch schon relativ gut eingearbeitet bin, denn das Verschleifen und Stempeln ging mir viel besser von der Hand, die Qualität der Brettchen hat meiner Meinung nach auch zugenommen und trotzdem ging alles auch etwas schneller.

Neben den Brettchen durfte ich auch noch mein eigenes Regal ölen, das ich schon vor einigen Wochen als neues Projekt beginnen durfte. Die Idee, das kleine Regal zu bauen, kam von Sophia und ist durch einen Schubkasten entstanden, der nach dem Verleimen einen zu großen Versatz aufwies, um für die Küche, die sich gerade im Bau befand, verwendet zu werden. Da es Schade um das schöne Holz gewesen wäre, wenn man den Schubkasten einfach weggeworfen hätte, durfte ich ihn also in ein kleines Regal umfunktionieren. Dafür bohrte ich mit einer Schablone zunächst Lochreihen für die Fachbodenträger in die Seitenwände, dann wurde das Regal geschliffen. Später suchte ich mit Sophia zusammen aus Holzresten Fachböden und Rückwand heraus und nachdem Sophia mir alles auf die richtigen Maße zugeschnitten hatte, ging es wieder ans Schleifen. Zum Schluss ölte ich es zusammen mit den Brotzeitbrettchen.

Ich habe mich über das Projekt sehr gefreut, denn ich finde es ist schön zu sehen, wie aus einem Fehler etwas neues, funktionales und wirklich hübsches entstehen kann. Diesen Prozess finde ich übrigens unter anderem auch an der Innenarchitektur so spannend, denn hier schafft man häufig aus schon bestehender, alter Bausubstanz einen ganz anderen, neuen Wohnraum, der dann wieder aktiv und ganz anders genutzt werden kann. Auch ein nachhaltiger Ansatz, wie ich finde, denn bei einer Sanierung ist der Ressourcenverbrauch meist geringer als bei einem Neubau.

Ansonsten half ich noch beim Schleifen der Korpusse einer der Küchen, die gerade gefertigt werden und verleimte noch ein paar Platten.

Auch bei der Montage einer großen Schrankwand, die wir in einer riesigen und wunderschönen Altbauwohnung aufbauten, war ich noch dabei.

Neben der Arbeit in der Werkstatt hatte ich aber auch hin und wieder einmal etwas im Büro zu tun oder begleitete herwig zu Fototerminen, wo ich ihn entweder als Assistentin unterstütze oder als „Model“ fungierte. Mal eine ganz andere Erfahrung, wo ich doch sonst nur auf Montagen mit Kunden zusammentreffe und ich eigentlich auch gar nicht gerne zu viel Aufmerksamkeit auf mich ziehe. Zwar freut es mich, dass ich herwig bei den Fotos unterstützen konnte, allerdings bin ich auf der anderen Seite wirklich froh, so etwas nicht beruflich zu machen, denn natürlich dreht sich dabei alles nur ums Aussehen und es wäre mir auf Dauer wirklich viel zu oberflächlich, täglich darauf reduziert zu werden. Abgesehen davon erklärte mir herwig bei unseren Terminen immer viel zu der Kameraausrüstung, der Technik und Belichtung, wodurch ich so einiges übers Fotografieren dazugelernt habe.

Abgesehen von den Fototerminen war ich auch bei ein paar anderen Terminen dabei, wie beispielsweise als von einer Kundin und Freundin von herwig ein Regal abgeholt wurde und wir dann mit den Kindern mittags Pfannkuchen gebacken haben. „Freitags gibt es Pfannkuchen!“ – Wie ich erfahren habe, ist das in der Familie der Kundin eine Art Tradition namens „Pfannkuchenfreitag“. Dabei kam natürlich der Tepan Yaki zum Einsatz und die Pfannkuchen waren wirklich sehr lecker.

Auch bei einem Termin mit zwei Start-up Unternehmern, die herwig über Handwerksbetriebe, seinen Betrieb, Unternehmertum und Selbstständigkeit ausgefragt haben, durfte ich dabei sein. Für mich ein sehr interessantes Gespräch, denn herwig plauderte zu diesen Themen aus dem Nähkästchen. Wann hat man sonst schon einmal die Gelegenheit, Insiderinfos dazu zu erfahren? Und wer weiß, was die Zukunft bringt: vielleicht hilft mir das Wissen aus diesem Gespräch irgendwann einmal weiter.

Das Praktikum endet mit ganz viel Reflexion. Schlussendlich möchte ich deshalb noch einmal darauf eingehen, was ich aus meiner Zeit im Handwerk mitnehme. Natürlich, wie im ersten Beitrag schon ausgeführt, zunächst ziemlich viel zum Thema Sexismus. Zwar war mir auch schon vorher bewusst, dass dieser auch in unserer mittlerweile doch sehr fortschrittlichen Gesellschaft immer noch existent ist. Doch ich persönlich war vorher noch nie so direkt damit konfrontiert wie im Handwerk. Ich als Person mit so vielen Privilegien und einem Freundeskreis, in dem jeder so akzeptiert wird, wie er nun mal ist und keiner als besser gesehen wird, als der andere, hatte vergessen, wie es ist, wenn einem Vorurteile entgegenschlagen. Bei den Möbelmachern habe ich aber gelernt, dass es nicht in jedem Handwerksbetrieb so läuft, sondern dass es auch anders geht. Und dass es ein Privileg ist, als Frau gleichberechtigt zu sein… auch wenn es eigentlich schon längst selbstverständlich sein sollte.

Aus dem Praktikum gehe ich außerdem heraus mit echten Vorbildern, denn ich habe hier Frauen kennengelernt, die einfach ihr Ding machen und sie selbst sind, ganz unabhängig davon, was gesellschaftliche Normen Frauen gerne vorschreiben. Christiane und Julia, mit denen ich am engsten zusammengearbeitet habe, haben mich immer wieder bestärkt, mit ständig ermutigt und bei ihnen konnte ich mir (auch teilweise in langen Gesprächen) Verständnis für verschiedenste Situationen einholen. Sie haben mir wirklich während meiner Zeit bei den Möbelmachern vorgelebt, wie unabhängig man als Frau sein kann. Außerdem haben sie sich immer ganz lieb um mich gekümmert, sei es etwas Lob, Rat und Tipps die Arbeit betreffend oder die Nachfrage, wie es mir denn (körperlich) so geht.

Auch allen anderen bin ich für ihre Unterstützung und ihr Vertrauen in mich sehr dankbar, an dieser Stelle möchte ich mich nochmals beim ganzen Team bedanken.

Auf das Thema Selbstbewusstsein bin ich ja auch schon einmal eingegangen, allerdings ist das wirklich eine starke Veränderung, die ich an mir selbst seit Neuestem bemerke und eng damit zusammenhängt, dass ich bei den Möbelmachern gesehen habe, wie andere einfach ohne Umschweife ganz sie selbst sind. Sich von den Meinungen anderer freizumachen, Dinge nicht so persönlich zu nehmen und den Mut aufzubringen, sich auch mal verletzlich zu zeigen und Leute an sich heranzulassen sind dabei essenziell.

Während meiner Zeit im Handwerk habe ich außerdem gelernt, dass sich mein Durchhaltevermögen auszahlt, man mit Beharrlichkeit und Willen eigentlich alles schaffen und lernen kann und sich deshalb von anderen nicht unterbuttern zu lassen braucht.

Dadurch bin, ich denke ich ein ganzes Stück erwachsener geworden. Andere Faktoren, die dabei sicher auch eine Rolle spielen, sind, dass ich in den letzten Monaten oft mehr Verantwortung übernehmen musste und dass ich das erste Mal einen längerfristigen Einblick in das Vollzeit-Arbeitsleben bekommen habe.

Insgesamt war es eine sehr schöne, wenn auch anstrengende Zeit. „It’s bittersweet saying goodbye“ war noch nie so treffend.

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Das war der erste Artikel von Lisa über ihr Praktikum

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