von | 1. August 2020

Über mein Schreinerpraktikum, Frauen im Handwerk und Persönlichkeitsentwicklung

Allgemein, Praktikum | 0 Kommentare

von Lisa Miller

Nachdem ich mein Abitur auf der Lothar von Faber Fachoberschule im Gestaltungszweig in Nürnberg gemacht habe, stand für mich fest, dass ich Architektur und/oder Innenarchitektur studieren möchte. Dieses Fach faszinierte mich auch zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren und mein Praktikum bei einem Produktdesigner in der 11. Klasse, wo ich das erste Mal den Entstehungsprozess vom Design eines Einrichtungsgegenstandes bis hin zum tatsächlichen Bau durchlief, festigte diesen Entschluss maßgeblich. Für mich war es unglaublich spannend zu sehen, wie aus meiner Entwurfszeichnung eine richtige Lampe entstand, die man tatsächlich im Alltag verwenden konnte. Schon damals machte mir auch der handwerkliche Teil, also die Lampe zu bauen, sehr viel Spaß.

Nun, da ich dieses Jahr im November zum Wintersemester mein Studium antreten werde, galt es vorher noch die Voraussetzung zu erfüllen, ein mindestens 4- bis 8-wöchiges Vorpraktikum in einem handwerklichen Betrieb abzuleisten. Für mich war sofort klar, dass ich dieses gerne in einer Schreinerei machen würde, da mir dieser Beruf unter den Handwerksberufen sehr abwechslungsreich schien und ich mich für Holzverarbeitung interessierte. Auf die Möbelmacher bin ich dann durch Internetrecherche gestoßen. Ich war sofort begeistert von Vollholzmöbeln und davon, dass bei den Möbelmachern so viel Wert auf Nachhaltigkeit und die Wünsche des individuellen Kunden gelegt wird. Umweltbewusstsein die Auseinandersetzung mit verschiedenen Charakteren ist mir persönlich sehr wichtig und so beschloss ich, spontan am Tag des Schreiners vorbeizukommen und nach einer Praktikumsstelle zu fragen.

So habe ich hier mein Praktikum ein paar Monate später begonnen, nachdem ich vorher noch in einem andern Schreinerbetrieb mehrere Wochen als Praktikantin gearbeitet habe. Schon nach meinem ersten Tag bei den Möbelmachern merkte ich einen Unterschied zu meiner vorherigen Praktikumsstelle. Ich wurde sehr herzlich und offen empfangen und fand mich unerwarteterweise (nicht wie im vorigen Betrieb) in keiner reinen Männerdomäne wieder. Es war sehr schön zu sehen, dass Frauen hier absolut gleichwertig behandelt und geschätzt werden. Etwas, und hier kann ich aus Erfahrung sprechen, dass im Handwerk keine Selbstverständlichkeit ist. Von Anfang an wurde sich hier um mich gekümmert, dafür gesorgt, dass ich auch abwechslungsreiche Aufgaben bekomme und das Wichtigste: mir wurde schnell etwas zugetraut und die Chance gegeben, mich zu beweisen. Es war also sehr leicht, sich wohlzufühlen und sich einzuarbeiten. Schon jetzt, nach den ersten 3 Wochen, habe ich das Gefühl, unglaublich viel gelernt zu haben. Das alles bedeutet mir sehr viel und habe ich vor allem dem lieben Möbelmacher-Team zu verdanken. Christiane, Julia, Sophia, Sam, Mo, Helmut, Stefan, Horst, Toby und nicht zuletzt Nina, Ute und herwig: Ihr alle wart von Anfang an unglaublich nett und geduldig mit mir. Nach dem ersten Tag bei euch habe ich vor Erleichterung auf dem Heimweg im Auto glatt ein paar Tränen vergossen, weil ich einfach so von euch akzeptiert wurde.

Auch nach den ersten Wochen hat sich das nicht geändert und ich genieße das Arbeitsklima, das auch durch gelegentliche Witze und viel Lachen in den Pausen geprägt ist. Jeden Tag wird mir bewusst, wie viel ein gutes Miteinander, das fast schon eher freundschaftlich als kollegial ist, ausmacht. Man merkt, dass sich hier alle wertschätzen und das wird auch so kommuniziert, was ich als sehr angenehm empfinde und vermutlich auch anderen Betrieben gut tun würde. Natürlich läuft nicht immer alles nur vorbildlich und völlig reibungslos, allerdings wird auch mit Meinungsverschiedenheiten offen umgegangen und generell habe ich nach meinem bisherigen Einblick das Gefühl, dass alle ein Team sind.

Nach diesem etwas emotionalen Absatz, bei dem sich der ein oder andere jetzt vielleicht „Schleimer!“ denkt, nun aber mal zu der Arbeit an sich. Hauptsächlicher Bestandteil meines Praktikums ist natürlich das Arbeiten in der Werkstatt. Hier hatte ich bisher schon viele verschiedene Aufgaben, die mir vorher immer ausführlich gezeigt und erklärt wurden. Vom Verleimen von Platten, dem Schleifen und Stempeln von Brotzeitbrettchen bis zum Verleimen, Schleifen und Zusammenbau von Schubkästen war schon alles dabei. Am meisten Spaß gemacht hat mir hier tatsächlich der Bau der Schubkästen, da ich bei fast allen Zwischenschritten sehr aktiv mitwirken durfte. Christiane hat es am besten auf den Punkt gebracht: „Das ist eine angenehme Aufgabe, weil man so ein bisschen Verantwortung hat… aber nicht zu viel!“. So ganz nebenbei finde ich außerdem den Gedanken toll, dass jemand Schubkästen, an denen unter anderem ich mitgebaut habe, in Zukunft jeden Tag in seiner Küche benutzen wird. Auch, dass zwei Platten, die ich aus Resten zusammen stückeln und verleimen durfte, Bestandteil einer Küche werden, hat mich sehr gefreut. Ein ähnliches Erfolgserlebnis waren die fertigen Brotzeitbrettchen, an denen ich im Endeffekt dann doch sehr lange gearbeitet habe und für die es wirklich Feingefühl brauchte.

Beim Bau der Schubkästen

 

Auch bei einem Kochworkshop durfte ich zusammen mit herwig mitwirken, wo ich zum Thema Kochen durch die mit vielen technischen Geräten ausgestatteten Ausstellungsküchen viele neue Techniken und Methoden kennenlernte, die mir vorher völlig fremd waren. Dabei habe ich den Tepan Yaki für mich entdeckt, das Braten darauf macht wirklich Spaß. Hätte ich genug Geld, würde ich mir glatt auch so eine Platte kaufen!

Ansonsten wurde ich schon einige Male zu Baustellen mitgenommen. Ein besonders schönes Erlebnis war hier ein Auftrag, bei dem ich von Anfang an bis zum Abschluss dabei sein durfte. Dabei ging es um ein Schlafzimmer mit angrenzender Ankleide, wo ich bei der Neuverlegung des Bodens bis hin zum Einsetzen neuer Türen und zur Anlieferung der neuen Vollholzmöbel dabei war. Auch wenn das Geschleppe in den ersten Stock schon anstrengend war, war das Ergebnis es auf jeden Fall wert. Auch bei Auslieferungen von Möbelstücken, wie beispielsweise Tischen und Bänken, durfte ich dabei sein und traf so auch einmal auf Kunden. Durch deren Nachfragen nach der fertigen Montage habe ich dann doch noch so einiges über die Pflege und diverse Eigenschaften von Holz lernen können.

Bei der Montage einer Lampe

    

Aber nicht nur über das Material, mit dem ich in diesem Praktikum täglich zu tun habe, lerne ich so viel dazu – sondern auch über mich selbst. Bei meiner Arbeit in der Schreinerei merke ich immer wieder, wie ich damit konfrontiert bin, meine Komfortzone zu verlassen und meine eigenen „Grenzen“ zu überschreiten. Sei es ganz zu Anfang der Umgang mit beispielsweise der Leimfräse, dem Handschleifer oder anderen Maschinen, vor denen ich ganz schön Respekt hatte und mit denen ich jetzt viel entspannter (aber natürlich nicht zu entspannt) arbeite, das Ausliefern von schweren Möbelstücken, die mehrere Stockwerke durch enge Treppenhäuser manövriert werden mussten oder das 1. Mal mit einem Montagebus ganz allein zur Baustelle zu fahren: alles waren Dinge, die mich schon etwas Überwindung gekostet haben. Dadurch, dass ich sie dann einfach getan habe und alles oft gut meistern konnte, habe ich ein ganzes Stück Selbstvertrauen gewonnen. Ich spüre, dass ich jetzt stärker bin, körperlich, aber auch mental. Es fällt mir nach meinen fast 3 Monaten im Handwerk so viel leichter, mich sofort offen gegenüber anderen Menschen zu verhalten, auf andere zuzugehen und Fragen zu stellen, wenn ich etwas nicht ganz verstanden habe. Im Handwerk habe ich auf sozialer Ebene in dieser doch eher kurzen Zeit schon so einiges erlebt: das Spektrum reicht von Sexismus und Vorurteilen, denen ich gegenüberstand (wobei ich hiervon definitiv nichts bei den Möbelmachern erlebt habe, aber ich denke, das ist klar geworden), bis zu völliger Akzeptanz. Durch beide diese Extreme, habe ich wirklich das Gefühl, mich weiterentwickelt zu haben. Ich bin aus meiner Filterblase der Schule ausgebrochen und habe am eigenen Leib erlebt, wie es ist, jeden Tag gegen Vorurteile anzukämpfen, sich jeden Tag wieder aufs Neue beweisen zu müssen, für Akzeptanz zu kämpfen… und dass es eigentlich überall so sein sollte, wie bei den Möbelmachern: Frauen sollten im Handwerk in allen Betrieben ohne große Umschweife als völlig gleichwertig akzeptiert werden, ihnen sollte etwas zugetraut werden, das Stigma muss weg. Denn, wer hätte es gedacht: Natürlich können Frauen alles mindestens genauso gut wie Männer. Und der Fakt, dass das so ist, ändert absolut nichts an ihrer Weiblichkeit. Ich sehe das jeden Tag an Julia, Christiane und Sophia, die in der Werkstatt super Arbeit leisten, mit sich völlig im Reinen wirken und in meinen Augen totale Power-Frauen sind. Ich bin sehr dankbar für die Zeit und die Erfahrungen, die ich bisher im Handwerk machen durfte und noch weiter machen darf. Ich habe so viele Facetten kennengelernt, war und bin dadurch so oft mit Grundsatzfragen konfrontiert, die zu Hause schon das ein oder andere mal zu Diskussionen mit meinem Vater, der ebenfalls im Handwerk tätig ist, geführt haben. Ich hätte nie gedacht, dass diese Zeit so intensiv sein würde, aber das ist sie. Für manch einen mag das jetzt dramatisch klingen: diesen Leuten würde ich empfehlen, selbst mal ein paar Wochen im Handwerk zu arbeiten. Vielleicht würden sie dieselben Erfahrungen machen, vielleicht nicht. Es kommt immer auf den Betrieb und die Personen an.

Ich glaube man merkt, dass mich diese Gedanken schon länger beschäftigen. Meine neugewonnene Kraft in den Armen und Beinen überraschen mich dagegen immer wieder aufs Neue. Oft frage ich mich vor dem Einsatz auf der Baustelle, ob ich es wohl schaffen werde, schweres Teil xy in die nächste Wohnung zu schleppen. Ich habe immer ein wenig Zweifel, dass mir eventuell die nötige Kraft fehlt. In letzter Zeit stelle ich dann aber immer wieder ein bisschen baff fest, dass ich es, natürlich mit vereinten Kräften, doch immer gut meistere… und dass mich das Ganze gar nicht so sehr anstrengt, wie gedacht. Das gibt mir eine ganze Portion Vertrauen und Selbstsicherheit – und irgendwie auch ein Gefühl von Unabhängigkeit. Ein Gefühl von „Ja, wenn ich mich reinhänge und es möchte, schaffe ich das auch!“, was mich sehr bestärkt.

Danke an die Möbelmacher, Danke an die Zeit im Handwerk für diese Erfahrungen. Es hat mich wirklich weitergebracht und wird mich immer begleiten.

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Alle Artikel von Praktikantinnen im Nachhaltigkeitsblog

Nachtrag: Diese Videos sind in der Zwischenzeit entstanden:

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