
Ein halbes Jahrhundert Kulturgeschichte: Der ausführliche Bericht in den Nürnberger Nachrichten zum Jubiläum von Vinzenz Dorn
Nun ja, eigentlich müsste man dem schönen Artikel von Vinzenz Dorn in den Nürnberger Nachrichten (herzlichen Dank dafür!) nichts hinzufügen, aber mit ein paar kleinen Videos und vor allem der Festrede von Marcus Everding wollen wir noch ein wenig Atmosphäre beisteuern, um auch in Zukunft noch mehr Menschen für das Theater zu begeistern. Denn seit ziemlich genau 25 Jahren bin ich im Vorstand des Vereins des Dehnberger Hof Theaters und habe hier im Blog seit 2005 schon einige Artikel dazu gesammelt.
Gruß und Worte
Es kamen wirklich viele liebe Menschen, die dem Theater schon Jahrzehnte verbunden sind, also war die erste trockene halbe Stunde zwischen 18:00 und 18:30 Uhr ausschließlich dem Begrüßen mit dem Klassiker „Wir haben uns ja schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen“ gewidmet.
Im Theater meisterte Ralf Weiß dann die Kunst, 50 Jahre auf 20 Minuten Erzählungen mit Fotos einzudampfen. Die fantastische Musik zwischen allen Grußworten und der Festrede kam von Norbert Nagel (Klarinette), Jo Barnikel (Piano) und Julian Fau (Schlagzeug). Sie war ein wesentlicher Teil des genialen Abends. Dazu kamen die Anekdoten, die Norbert einfließen ließ: Er konnte sich schon als ganz junger Mann für das einladende Wesen Wolfgang Riedelbauchs begeistern und ist ihm für diese – in der offiziellen Musikszene damals seltene – Offenheit bis heute dankbar.
Die Grußworte der Politiker, die im „Kuratorium“ aus Bezirk (Peter Forster), Landkreis (Armin Kroder) und Stadt Lauf (Thomas Lang) für unser Theater so wichtig sind, waren einfühlsam und kurzweilig, obwohl zum Beispiel Peter Forster bei der Theatergründung noch gar nicht auf der Welt war.
Die Festrede
Es war zweifelsohne der Höhepunkt des Abends, als Marcus Everding Goethes Kutscher mal kurz in Dehnberg vorbeifahren ließ – den jungen Leuten sei hier erklärt, dass es damals weder Navigationssysteme noch Funktelefone gab. Die weiter unten nachlesbare schriftliche Version kann der vorgetragenen nicht das Wasser reichen, aber wir können sie auf diesem Weg wenigstens der Nachwelt erhalten. Hier ist ein kleiner Ausschnitt im Video:
Die Künstler aus dem Ensemble
Beeindruckend war für alle Gäste, dass die Alleinstellungsmerkmale des Dehnberger Hof Theaters nicht nur von den Rednern betont wurden, sondern danach von den fest angestellten Schauspielern auch noch bestätigt wurden. Veronika Conrady aus dem Ensemble präsentierte das sehr emotional. Nicht zuletzt in deren Video, das so intim war, dass sie es nicht einmal hier im Blog zeigen möchten, wurde deutlich, dass Dehnberg für uns alle ein ganz besonderer Ort und ein ganz besonderes Theater ist.
Ganz emotional wurde es dann noch zum Schluss, als die künstlerische Leiterin Brigitte Schürmann auf die Bühne kam und ganz empathisch erzählte, dass sie heute schon ein kleines Wunder erlebt hat. Denn wie auch alle Vorredner und das Ensemble bestätigte sie, dass in Dehnberg das Konzept „auf den letzten Drücker“ zur Perfektion weiterentwickelt wurde. Das eigentliche Wunder war jedoch, dass Wolfgang Riedelbauch eine ganze Stunde vor Veranstaltungsbeginn schon da war.

Ein eingespieltes Team: Brigitte Schürmann und Ralf Weiß führen das Theater von Wolfgang Riedelbauch in die Zukunft.
Die Zukunft
Wie bei den Möbelmachern ist es auch im Dehnberger Hof Theater nicht leicht, den passenden Nachfolger oder die passende Nachfolgerin zu finden. Den Job meines ehemaligen Kompagnons teilen sich heute drei Mitarbeiter; für Ralf und Brigitte bräuchten wir wohl sechs Menschen, die die unterschiedlichen Fachgebiete übernehmen müssten. Aber wir sind alle zusammen zuversichtlich, dass wir das lösen werden. Jetzt geht es erst einmal darum, das Wohnhaus von Wolfgang Riedelbauch zum Kulturzentrum umzubauen – eine anspruchsvolle Aufgabe (vor allem die Finanzierung), die Ralf, Brigitte und wir, nicht zuletzt bei der Einrichtung, noch erledigen wollen.
Der Ausklang
Natürlich mussten diese feierlichen Stunden gefeiert werden und ein edler Spender finanzierte sogar den Aperitif. Beim Rest hat sich das Theater von Aufgetischt unter die Arme greifen lassen, was vor allem beim Abgeben des schmutzigen Geschirrs eine Freude war. Denn diese Gläschen des Buffets müssen sehr aufwendig gereinigt werden, aber so haben wir sie einfach vor die Tür zum Abholen gestellt, hihi. Wie immer wollten wir eigentlich bald heimgehen, waren dann aber doch wieder bei den Letzten – schee war’s!




Beste Stimmung beim Jubiläums-Abend im Kreise langjähriger Weggefährten: Norbert Nagel, Jo Barnikel, Julian Fau
Die Festrede von Marcus Everding
50 Jahre Dehnberger Hoftheater
„Liebe Dehnberger-Hof-Theaterer,
sehen Sie mir diese formlose Anrede nach, die zunächst nicht den gängigen Grußformeln am Beginn einer Festrede entspricht. Aber treffender lässt sich aus meiner Sicht – der eines Neu-Dehnbergers – die versammelte Bürgerschaft dieses Hauses nicht begrüßen. Denn ob Titel, Funktion oder Verdienst – dieses Bürgerrecht am Dehnberger Hoftheater, diesem Kleinstaat im Teppich der deutschen Theater, ist uns allen verliehen worden; es bringt uns heute zusammen. Mit Sicherheit sind wir kein Nationaltheater, kein Staatstheater, kein Landestheater, kein Tourneetheater, sondern eben ein Hoftheater – und das im herrlichsten Sinn einer Begriffsumdeutung: Kein Königshof, ein Hopfenbauernhof ist das Staatsgebiet der Dehnberger. Folglich sind wir alle Bürger und keine Untertanen. Was uns von so manch anderem Theater unterscheidet. Wir Profis können davon Arien, Duette, große Ensembles und Verdi-Chöre singen. Allerdings klingt Verdi harmonischer.
Ein Theater ohne Anekdoten gibt es nicht. Gäbe es eines, wäre es kein Theater. Allein mir fallen schon so viele ein, und mir wurde erst vor zehn Jahren das Bürgerrecht verliehen. Diese zu erzählen, bleibt bei einem Anlass wie dem heutigen nicht aus. Und dafür gibt es nach den Lobreden der Laudatoren eben das gesellige Beisammensein. Ich bin auskunftsfähig und auskunftsberechtigt. Prüfen Sie mich – später.
Wie bei jedem Staatsgebilde kam vor der Gründung eine Utopie – das Vorstellen eines Ortes im Nichts. In den Windungen des Riedelbauch’schen Gehirns, irgendwo zwischen Bach und Händel, vielleicht Hans Sachs, schwebte diese Utopie eines neuen Theaterstaates herum. Und aus Utopos wurde der Topos Dehnberg, Hopfengehöft, Dehnberger Hoftheater. Diesen Weg muss ich Ihnen nicht nachmalen. Wer dieses Bild aber gerne gezeigt bekäme, der sei auf die erwähnte Zusammenkunft verwiesen. Ich weiß, auf wen ich zeigen muss, damit das Bild aus dem Fundus geholt wird. Ein Bild, das die Meisten von uns in sich tragen, eine Form der schönen Einbildung. Ein ehemaliger Bundeskanzler mit Vorliebe für Menthol hat einmal gesagt: „Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen.“ Mit Verlaub, Helmut, das mag auf Koalitionen und Parteitage zutreffen, aber nicht auf uns Traumtänzer der Bühne.
„Vision stammt vom lateinischen Wort ‚vīsio‘ (Sehen, Anblick, Erscheinung, geistige Vorstellung) ab. Ursprünglich eine religiöse Offenbarung, beschreibt der Begriff heute geistige Bilder oder zukunftsorientierte Entwürfe.“ Ja, das ist aus dem Internet. Und ich war selbst überrascht, wie sehr diese Definition auf das Dehnberger Hoftheater zu trifft. All unsere Figuren sind übernatürliche Erscheinungen, die hier sprachen, schrien, lebten, starben und für immer in den Decken dieses Hauses hängen oder in der Steinwand stecken. Wenn Sie sich einmal allein auf diese Bühne stellen und lauschen, glauben Sie mir, da bekämen Sie so einiges zu hören. Schließen Sie bitte alle einmal die Augen! Öffnen Sie die Ohren!
(Kleine Pause)
„Brassett, die Zeit läuft!“ – „Das tut sie meistens, Sir!“
(Kleine Pause)
Ich habe es Ihnen gesagt. Viele hier wissen, wer das gerade gesagt hat. Was für ein passender Kommentar zu einem Festakt. Danke, Brassett, du kannst dich umziehen und den Champagner herrichten.
50 Jahre – eine lange Zeit, den Theaterkarren zu ziehen. Oper, Schauspiel, Liederabende, Kabarett, Lesungen, Kino, Bands. Wie oft sich der goldgelbe Vorhang öffnete und schloss. Hunderttausende kamen, um das zu erleben, was nur wir Theaterleute geben können: Die unmittelbare Begegnung des Menschen mit dem Menschen. Gespieltes Leben. Das Licht geht aus und wir verreisen in andere Welten. Der erste Dehnberger Reiseveranstalter Riedelbauch hat uns das ermöglicht. Die Vision ist gelandet in diesem beschaulichen Dorf, dem man vor 50 Jahren vieles zugetraut hätte – Dorffeste, bessere Busverbindungen oder Ferien auf dem Hopfenhof – aber ganz bestimmt kein Theater. Und erst recht keines, das 50 Jahre Erfolg haben würde.
Ganz ehrlich, ich weiß, mit Namen soll man nicht spielen, aber: Riedelbauch, Weiß und Schürmann – wenn das nicht nach einem Roman von Jean Paul klingt! „Riedelbauch kauft einen Hopfenhof“, „Weiß bemalt die Bühne“, „Frau Schürmann braucht ein Fahrrad“.
Und Goethe kam nie nach Dehnberg. Ein kleiner Sketch dazu:
(Zwei alte Mimen, sich mühsam schminkend) Erster: Wann warst du das erste Mal in Dehnberg? Zweiter: Hoftheater? Erster: Kennst du noch eins? Zweiter: 1976. Da hatte ich mich verfahren. Erster: Ah, wie Goethe. Goethes Kutscher. Zweiter: Ach ja, Autos gab’s noch nicht. Und der hat sich nach Dehnberg verfahren? Erster: Eben nicht. Aber fast. Goethe kam von Italien. Weiß keiner, wohin der von Lauf aus lief. Zweiter: Goethe hätte man treffen müssen. Erster: Riedelbauch hieß der. Jedenfalls haben beide einen Bart. Zweiter: Der moderne Riedelbauch wollte mich mal als Tenor. Fand er dann doch nicht so gut. Erster: Jedenfalls sagte der Goethe zum Kutscher Riedelbauch: „Riedelbauch, findet er nicht auch, dass dort oben ein Hoftheater stehen sollte?“ Sagt der Riedelbauch: „Wer soll sich denn hierhin verfahren?“ Goethe war beleidigt und fuhr nach Weimar. Den Riedelbauch hat er dagelassen. Zweiter: Dramatisch. Keine Kutsche, aber eine Geschichte. Erster: Weiß und Schürmann haben mich engagiert. Als Überraschungseinlage. Ich gebe eine Ode. Zweiter: Ich könnte singen. Erster: Nein, das könntest du nicht.
Erster (Ode an Dehnberg): Über Dehnbergs Gipfeln ist Ruh‘. In allen Adern spürest Du der Musen Hauch. Was Goethe einst fand im Walde – warte nur! Balde findest du’s auch.
Zweiter: Originell. Ich könnte das „Auch“ sprechen. Erster: Ich schlag’s der Schürmann vor.
(Stimme aus dem Lautsprecher: „Das ist das dritte Zeichen. Zum Beginn der Vorstellung ‚Tante Jutta aus Kalkutta‘ bitte die Herren der Statisterie für den ersten Akt.“)
(Das Licht geht langsam aus. Ende.)
Liebe Dehnberger, ich gratuliere dem Dehnberger Hoftheater zu seinem 50-jährigen Bestehen und danke allen, die dafür arbeiten, es unterstützen und auf ihm spielen. Ich danke besonders Frau Schürmann und Herrn Weiß, dass ich Bürger dieses theatralischen Kleinods werden durfte. Ad multos annos communis!“
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