von | 6. Mai 2019

“Mein Bauhaus ist besser als deines” – Stilfragen zu 100 Jahren Bauhaus und 30 Jahren Möbelmacher

Allgemein, Bücher, Über uns | 2 Kommentare

 

Unser Besuch im Bauhaus 2010

In der hörenswerten BR2-Radiosendung “Mein Bauhaus ist besser als deins!” formulieren die Autorinnen Katharina Altemeier und Joana Ortmann eine andere Geschichte des Bauhauses. Klischees und Tabus rund um die legendäre Kunst-, Architektur- und Gestaltungsschule werden kritisch hinterfragt und viele Interpretationen zugelassen: wir sollten das Bauhaus nicht in eine Schublade pressen, in die es sowieso nicht reinpasst.

“1919 wurde das Bauhaus in Weimar gegründet, 1925 zog es nach Dessau, 1932 ging es nach Berlin, wo es sich einige Monate später auf Druck der Nazis selbst auflöste. Die utopische Reformbewegung hatte also nur 14 Jahre lang Bestand – dennoch wird der Mythos, das Bauhaus habe als Heimstätte der Avantgarde ein für alle Mal die Moderne in die Welt gebracht, bis heute hingebungsvoll gepflegt. Höchste Zeit, die alte Utopie auf ihre Gültigkeit für das Leben heute zu überprüfen und zu beweisen, warum wir heute so viel mehr als Bauhaus brauchen.
(Text zum Podcast auf BR2)

Museumsleiterin Tulga Beyerle und  der Designtheoretiker Friedrich von Borries kommentieren das Missverständnis Nr. 1 “Kann es bei so vielen unterschiedlichen Ansätzen und Denkrichtungen wirklich einen Bauhausstil geben”?  Das deutliche “Jein” bedeutet, dass der Stil nicht durch die so unterschiedlichen  Bauhäusler selbst, sondern nachträglich durch die Rezension von Außen und nicht zuletzt durch den Re-Import des Bauhauses nach dem Krieg aus den USA zurück nach Deutschland entstand. So inspirierte die Sendung uns auch selbst zur Frage:

Gibt es einen Möbelmacherstil?

Unser Gebäude entstand 1997 als moderne Holzbauweise in der Grundform einer Basilika

Ebenfalls Jein, also im Prinzip nein, aber irgendwie auch ja. Denn unsere Möbel, Küchen und Kompletteinrichtungen entstehen in Einzelanfertigung nach Kundenwunsch im Rahmen ausführlicher Beratung. Dieselbe bezieht sich hauptsächlich auf funktionale und fachliche Fragen. Während das Bauhaus mit industrieller Serienproduktion und “modernen Materialien” billige Massenware schaffen wollte – was erst mit den Kopien aus China wirklich gelang – erfüllen unsere Möbel die persönlichen Bedürfnisse einer einzelnen Familie. Dabei soll die Massivholzphilosophie auch Langlebigkeit und Wohngesundheit garantieren. Die gestalterische Frage bleibt eher in Kundenhand, auch wenn wir meist mit Schlichtheit und Reduktion ratgebend zur Seite zu stehen, weil rein statistisch die meisten Kunden eher selten Möbel entwerfen.

Baumarkt Bauhaus und die gescheiterte Befreiung der Frau

Laut Beyerle sorgt auch heute noch eine schon 1960 lächerliche Richterentscheidung für die Namensrechte des Baumarkts “Bauhaus” für Verwechslungen und dass nicht nur Stahlrohmöbel und Betonhäuser, sondern auch Tanz, Film, Textilien und Teppiche die Schule prägten, liegt an den Einflüssen aus der Arts and Craft Bewegung, dem Werkbund und vielen anderen Reformbewegungen der 20-er Jahre. Aber Gropius war radikaler, ganzheitlicher, Itten sogar esoterischer, was wohl auch der Ursprung für den Slogan des 100-jährigen Jubiläums ist: “Die Welt neu denken”. Auch die erfolgreiche Selbstvermarktung und die leider nicht wirklich gelungene Einbeziehung von Frauen (guter Film “Lotte am Bauhaus” und gutes Buch “Frauen am Bauhaus”) sollte den Aufbruch, den Fortschritt, die gesellschaftliche Utopie und damit die Entwicklung des “neuen Menschen” unterstützen.

Einfluss des Bauhauses auf die Möbelmacher

Schon während meines Studiums (Politik, Soziologie und Germanistik) beschäftigte ich mich mit der Moderne, dem Bauhaus, Stuhldesign und mit dem Buch von  Otl Aicher “Die Küche zum Kochen.” Das lag uns näher als der Jugendstil, die Shaker oder die Arts and Craft Bewegung, die Maschinenarbeit ablehnte, während wir selbst Fans von neuen Maschinen waren – sie uns damals aber noch nicht leisten konnten.

Die moderne Formensprache wollten und wollen wir noch heute mit ehrlichen Materialien, wie Massivholz, Glas oder Edelstahl verbinden. Bald begannen wir, neben der Nachhaltigkeit auch die Regionalität als Wert zu formulieren. Mit Lesungen, Konzerten, Workshops und Werkstattgesprächen bringen wir die Idee der Einzelanfertigung von Möbeln, aber auch Ökologie und regionale Wirtschaftskreisläufe an die Frau, die Männer sind – rein statistisch – eher technisch interessiert. Ganzheitlichkeit von der regionalen Waldschöpfungskette über die eigene Stromerzeugung bis zum Apfelsaft der Streuobstwiesen; Ganzheitlichkeit vom Wald bis zur Rücknahme von nicht mehr gebrauchten Möbeln.

Apropos Frauen: unsere erste Auszubildende war Jutta Richter, die im Laufe der ersten 9 Jahre den Betrieb mit aufbaute und prägte. Wir haben nach Aussage der Handwerkskammer die höchste weibliche Ausbildungsquote Bayerns und aktuell wohl auch einen vergleichsweise hohen Frauenanteil in der ganzen Firma.

Ist das Ornament noch ein Verbrechen?

Absolute Schlichtheit, nur durch die sorgsam ausgesuchte Maserung gestaltet

Hundert Jahre nach Adolf Loos’ apodiktischem Verbot des Ornaments (“Ornament and Crime” ist ein Essay und Vortrag des modernistischen Architekten Adolf Loos, der das Ornament in Gebrauchsgegenständen kritisiert) darf man in der Architektur laut diesem Artikel in der Welt wieder Deko verwenden. Angeblich wäre Loos’ Forderung ein schmaler Grat zwischen Überzeugung, Heuchelei und Schwindel gewesen, was vor allem mit seinem begeisterten Einsatz von wild gezeichneten Marmor argumentiert wurde. Auch unsere Einrichtungen sind – sofern die Kunden gleicher Meinung sind – betont ruhig und schlicht gehalten. Die Maserung und Ausstrahlung von Massivholz definieren wir als “natürliches Ornament”, das keiner weiteren Deko bedarf. Die stetige Suche nach neuen Techniken und Materialien hat im Bauhaus das Massivholz zurückgedrängt, vor 30 Jahren gründeten wir die Möbelmacher nicht zuletzt, um ihm seine ästhetische, gestalterische und gesundheitsfördernde Bedeutung zurückzugeben.

Warum es Wagenfeldleuchte, Corbusier-Chaiselongue oder Eames Lounge Chair sein muss

Während die Museumsdirektorin in der Sendung zwar eine große Stuhlsammlung, aber kein einziges Bauhausmodell besitzt, versuchen im aktuellen Bauhaus-Hype viele Paare durch den Kauf von möglichst echten Klassikern ihre Einrichtungskompetenz unter Beweis zu stellen. Kein Wunder in einer Zeit des Boho-Styles der Beliebigkeit (hier der Blogartikel darüber), welcher die Einzigartigkeit des persönlichen Geschmacks im Wirrwar aus altem Vintagezeugs und Sofaüberwürfen aus der eigenen Jugend zu beweisen sucht.

Auch schon ein Klassiker von Jori: unser Relaxsessel Yoga vereint Ergonomie und Ästhetik bei wenig Platzbedarf

In der Sendung wird argumentiert, dass die billigen Kopien aus Asien den Grundideen des Bauhauses viel näher seien, als die teuren Originale. Wir fragen uns dagegen, warum Menschen die Corbusier-Liege (die eigentlich Charlotte Perriand Liege heißen müsste) wählen, bei der mangels Lehne die Arme seitlich rauskugeln. Warum sie im Sommer auf Eames Plastic Slide Chair und allen aktuellen Kopien auf Plastik freiwillig festkleben oder warum sie Fußhocker für unergonomische Relaxsessel ständig hin- und herschieben?

Statussymbol oder demokratische Gesinnung?

Als Mainstream-Dekoobjekte oder Statussymbole können die Designikonen durchaus hilfreich sein, bei unseren Einrichtungsvorschlägen für Kunden argumentieren wir aber mehr auf der Funktionsebene – zugegeben nicht immer erfolgreich. Ergonomie, Komfort, Materialauswahl und Lebensdauer sind Kriterien durchaus auch nach “form follows funktion” und so ist eine wohnliche Holzleuchte von Domus oder die vielseitig verstellbare Stehleuchte Trinity von Oligo bei uns häufiger im Einsatz als die Wagenfeldleuchte, mit der man sich dagegen im sicheren Hafen des allgemeingültigen Geschmacks geborgen fühlen darf.

Aber da ist noch mehr: der schon erwähnte Bauhaus-Re-Import aus den USA hat laut Friedrich von Borries das Bauhaus – nicht immer zurecht – zutiefst demokratisch erscheinen lassen. Auch das färbt angenehm auf den Besitzer ab.  Borries: “Die Geschichte des Bauhauses ist eine Vereinnahmung der Vergangenheit aus der Gegenwart heraus. Schöne Gegenstände, die nicht von Nationalismus und Faschismus kontaminiert sind, die also die Hoffnung aufglimmen lassen, man wäre auch damals auf der richtigen Seite gewesen.“

Fazit der Sendung:  die individuelle Gestaltung

Die vorgehängte Glasfassade war modern, aber damals noch nicht sehr funktional

“In den letzten 100 Jahren hat sich vieles verändert, die Bauhaus-Rezeption hingegen verläuft gradlinig. Höchste Zeit, die alte Utopie auf ihre Gültigkeit für das Leben heute zu überprüfen und zu beweisen, warum wir heute so viel mehr als Bauhaus brauchen.”

Die Autorinnen und Gäste der 53 minütigen Sendung “Mein Bauhaus ist besser als deines” schlugen bei der Suche nach den Lösungen für die Probleme unserer Zeit völlig frei von Pietät vor, das Bauhaus zu begraben. Vielleicht, um es danach neu auferstehen zu lassen. Allerdings weder als “Bau”, noch als “Haus”, vielmehr solle der Schulgedanke und die Verbindung aller Strömungen und Wissenschaften in die Gestaltung von Produkten und Utopien in Richtung lebenslanges Lernen fortentwickelt werden. Und zwar lokal verankert und in kleinen Schritten.

Genau dort finden wir uns als ehrliches Handwerk wieder und unsere Materialauswahl, die Nachhaltigkeit und sogar der soziale und der Bildungsaspekt unserer Werkstatt-Tage taucht hier wieder auf. Die individuelle Gestaltung wird auch in der Industrie gewaltig an Bedeutung gewinnen, aber erstmal ist sie im Handwerk verankert und wird dort vor allem durch den persönlichen Kontakt der Akteure qualitativ nicht aufzuholen sein. Zumindest ist das unsere kleine Utopie.

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Hier kann man die Radiosendung hören

Mein erstes, noch etwas verklärendes Buch über das Bauhaus in der Erstauflage aus dem Jahr 1990

Ein vierminütiger Beitrag über die Frauen am Bauhaus in TTT (Titel Thesen Temperamente)

 

 

 

2 Kommentare

  1. Janne

    toller Artikel zum Bauhaus Thema! muss mal so gesagt bzw. geschrieben werden.

    Trotz allem erkennt man den Germanisten! Sehr gut!!!!

    Antworten
  2. herwig Danzer

    Dankeschön

    Antworten

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