von | Juni 2, 2026

„Die Jagd nach der Muskatnuss“ von Christian Schüle ist eine faszinierende Reise durch Zeit und Welt aber auch ein spannendes Lehrbuch über Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus

Allgemein

 

Im vorletzten Newsletter 231 zum Wanne-Monat-Mai konnte mein Buchhändler Martin Lösch das Asterixrätsel nicht lösen, weil ich auf der Suche nach einem Foto mit Badewanne ein schlechtes Heft wählte, das zweitschlechteste Asterixheft der Geschichte überhaupt: Latraviata.

Aber er schickte in der darob frustrierten Mail noch die Nachricht mit, dass unser Philosoph Christian Schüle (war schon dreimal in Unterkrumbach) gerade wieder ein neues Buch namens „Die Jagd nach der Muskatnuss“ herausgebracht hat. Der Titel erinnerte mich an die Indiana Jones Serie (Jäger des verlorenen Schatzes) und den Film „Jäger des Augenblicks“ unserer zum Teil leider schon verstorbenen Freunde (Stefan Glowacz, Holger Heuber (lebt noch!) und Kurt Albert) über ein Kletterabenteuer in Venezuela. Und natürlich kam mir auch „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975) von Monty Python in den Sinn, aber alle Parallelen sind weit gefehlt, denn Christian hat wieder ein unglaublich aufwendig recherchiertes und sorgfältigst ausgearbeitetes Buch geschrieben, dessen 400 Seiten mich fesselten und faszinierten.

Zuvor las ich noch den Klappentext, fand den auch nicht umwerfend, aber bisher habe ich alle Bücher Schüles sehr geschätzt und diesmal war es wieder so. Auf Christians Linkedin-Account klang es am Erscheinungstag dann schon interessanter:

„Macht, Mission, Monopol: Heute erscheint mein neuestes Buch „Die Jagd nach der Muskatnuss“, Siedler-Verlag, 400 Seiten. Der Stoff ist faszinierend: die verblüffende Geschichte der niederländischen Vereinigten Ostindischen Companie, des einst größten Unternehmens der Weltgeschichte im 17. Jahrhundert. Das Buch lädt zu einer großen Reise von Deutschland über die Welthauptstadt Amsterdam nach Ostindien, dem heutigen Indonesien, ein. Es betrachtet und schildert die Gründungsmythen Europas, den Beginn der Neuzeit und die Anfänge des Individualismus. Es erzählt von der Entstehung des modernen Kapitalismus, der Erfindung der Aktie, vom Monopol auf das Gewürz Muskatnuss und den Exzessen des Kolonialismus in Asien. Es schreibt die erstaunlich aktuelle Geschichte des globalen Handels, die heute hilft, unsere Herkunft und Gegenwart zu verstehen. Es lädt ein, über Gier, Glaube, Gewalt, das Völkerrecht und die problematische Idee von Goldenen Zeitaltern nachzudenken. Hinter allem steht, als geistiger Pate, der große Golo Mann: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen.“

Als Kommentar schrieb ich ein paar Tage später dazu:
„Lieber Christian, habe es gerade ausgelesen und muss Ute ein neues kaufen, weil ich es schon wieder voller Begeisterung vollgekritzelt habe. Arbeite bereits am Bericht im Nachhaltigkeitsblog. Vielleicht kriegen wir ja wieder eine Lesung hin? Wünsche ganz viel Erfolg damit und hoffentlich bis bald, herwig“.
Worauf er antwortete:
Lieber Herwig, das freut mich sehr, besten Dank für Deine schöne Nachricht! Ja, sehr gerne komme ich wieder zu Euch ins schöne Unterkrumbach zu einer Lesung – melde Dich gern jederzeit, dann pack ich das Buch ein, und es gibt ein Wiedersehen… Herzliche Grüße an Dich und Ute aus Hamburg, dann ja vielleicht bis ganz bald, Christian

Warum wir auch die Muskatnuss von Christian Schüle allen politisch und historisch interessierten Menschen ans Herz legen

 

Christian erzählt die 200-jährige Firmengeschichte aus der Sicht von vier Zeitzeugen, deren Berichte er im Rahmen seiner großartigen Recherche entdeckt hat. Diese machen das Buch zusammen mit seiner schönen Sprache so gut und spannend lesbar. Die ergänzenden Exkurse über Amok und Gier, Meditationen über Geschichte, Betrachtungen über den modernen Kapitalismus und am Schluss das Kapitel „Die Reise in die Gegenwart“ betten die Geschichte von 1602 bis heute auch philosophisch ein. Wobei es um die Interpretation von Kolonialismus, Rassismus und den Umgang mit der leider schauderlichen Geschichte geht und die Frage, ob man Denkmäler von den falschen Menschen stehen lassen sollte oder abreißen?

Lokalkolorit für uns Franken bringen die Erfahrungen des Nürnbergers Johannes Wurfbain, den Schüle dort am Johannisfriedhof besuchte, er ist einer der wenigen Protagonisten und Statisten, die zu Hause in Frieden sterben durften.

Mich fasziniert die raffinierte Darstellung von Fiktion und Wahrheit durch Sätze wie „Stellen wir uns vor …“ und der kleine Trick, die Einschübe in serifenloser Schrift als Verknüpfung in die Gegenwart darzustellen. Seit wir 1990 das erste Mal unsere Freunde in den Niederlanden besuchten und dem Land bis heute durch die vielen Gespräche verbunden sind, interessiert uns auch deren Geschichte, und die wird zumindest in diesem Zeitabschnitt nicht zuletzt rund um Rembrandt ebenso tiefgehend wie anschaulich dargestellt.

Es gibt noch eine sehr lobende Rezension „Fesselnde Zeitreise“ von TravelCat bei Amazon (die wir natürlich nicht verlinken, kaufen Sie ihr Buch in der Buchhandlung Ihres Vertrauens), aber auch einen anonymen und vermutlich dem kapitalistisch unkritischen, eher rechten Spektrum zuzuordnenden Kritiker, der bei Thalia den Kommentar Nr. 3140725 hinterlassen hat. Dort spricht er Christian ab, Historiker zu sein, was der als Schriftsteller, Essayist und Publizist ja gar nicht für sich in Anspruch nimmt. Vielleicht liebe ich das Buch ja gerade, WEIL es von keinem Historiker geschrieben wurde?

Eigener Exkurs über die Aktie nach der Lehre über deren Erfindung

 

Nun, da ich mich in die Erfindung der Aktie eingeweiht fühle, ist sie mir immernoch irgendwie unangenehm. Dazu muss man wissen, dass ich als Student zusammen mit Gunther Münzenberg 1988 die Möbelmacher gründete und ich erst Mitte dieses Jahres alle Schulden getilgt haben werde. Es ist also kein Wunder, dass Geldanlage nie mein Thema war, aber für die Lebensversicherungen wünsche ich mir dann doch eine, die unsere ökologische, kulturelle und demokratische Arbeit seit 38 Jahren unterstützt und nicht in den Rücken fällt. Ich habe nie begriffen, wie Menschen ohne Arbeit Geld verdienen können, und noch weniger, wie sie die Betriebe, deren Aktien sie besitzen, auch noch in ihren Entscheidungen beeinflussen wollen. Shareholder-Value war in meinem Leben in der Nachhaltigkeitsszene immer ein Schimpfwort, für die Menschen, die nur an Dividende, aber niemals an die Menschen denken, die sie erwirtschaften. Christians Kapitalismusschulung hat uns dazu ermutigt: Wenn schon Aktien, dann nur von Firmen, deren Arbeit wir unterstützen möchten. Wie man das macht, wissen wir leider auch (noch) nicht, aber vielleicht finden wir ja jemanden vom Fach, der unsere Motivation nachvollziehen kann und uns trotzdem hilft.

Nachtrag
Die Zusammenarbeit und Beziehung zwischen den Möbelmachern und dem Autor und Journalisten Christian Schüle erstreckt sich über viele Jahre und ist geprägt von gegenseitiger Wertschätzung und gemeinsamen Themen wie Zeit, Heimat und Lebensqualität.

  • Zeit-Dossier (2006): Christian Schüle besuchte Unterkrumbach und die Cittaslow Hersbruck für seine Recherche zu einem Dossier in der Wochenzeitung Die ZEIT mit dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (erschienen im Dezember 2006),. Darin stellte er fest, dass Kunden der Möbelmacher oft mehr Wert auf ihre Einrichtung als auf teure Autos legen („Wohnraum wichtiger als Hubraum“). Hier nachlesbar. 
  • Erste Lesung (2007): Im Rahmen der Unterkrumbacher Werkstatt-Tage hielt er eine Lesung zum Thema „Deutschlandvermessung“. Schüle beschrieb die Lesung als eine „rundum schöne Erfahrung“ und lobte das gebildete und interessierte PublikumDie Lesung war in Hersbruck Anlass für eine Diskussion über Lebensgeschwindigkeit und Qualität, die von Roland Zimmermann vom Bayerischen Rundfunk moderiert wurde und auch die Prinzipien der Cittaslow-Bewegung thematisierte.
  • Lesung zum Thema „Heimat“ (2017): Im November 2017 kehrte er für eine weitere Lesung aus seinem neuen Buch „Heimat“ nach Unterkrumbach zurück. Diese Veranstaltung fand im Rahmen des Tags des Schreiners statt und wurde kulinarisch durch regionale Spezialitäten (Moritz Kellner, Bärenbrot) begleitet
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Hier ist sein Dossier in DIE ZEIT vom Dezember 2006 über die Suche nach der verlorenen Zeit und die Cittaslow Hersbruck noch nachlesbar. 

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