von | Juli 12, 2026

Langlebigkeitsökonomie am Tag der Marketingentscheidungen in Nürnberg oder neudeutsch: Longevity am Market Decisions Day

Allgemein

Kleine Übersicht im Video der NIM:

Im Newsletter des Marketingclubs erwähnte Thomas Ketterer eine Veranstaltung, deren Liste der Referentinnen und Referenten mich schwer beeindruckte:

  • Prof. Maja Göpel (schätze ich seit ihren Auftritten beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis noch viel mehr als vorher),
  • Sascha Lobo (sein Blog Riesenmaschine, welches er –  wie wir unser Nachhaltigkeitsblog – 2005 gründete, inspirierte uns sehr und wir trafen uns in Ursensollen: Irokesenschnitt trifft Holzfliege) (leider musste er absagen, weil er gerade wieder Vater wurde, wir gratulieren herzlich)
  • Andreas Wieser, Vice President global Brand Strategy & Customer Experience at Miele, deren Küchengeräte wir seit 2005 als Händler verkaufen
  • Tristan Horx, dessen Vater uns schon 2006 auf der Biofach inspirierte und dessen Mutter Einrichtungstrends beschrieb, die wir hier kommentiert haben

Veranstalter ist das NIM, das Nürnberger Institut für Marktentscheidungen e.V., welches seit 1934 besteht und die GfK gründete (Gesellschaft für Konsumforschung, in der Zwischenzeit NIQ, weil mit Nielsen fusioniert). Ganz viele unserer Kunden haben bei der GfK gearbeitet, fast so viele wie bei der DATEV.

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Aus der Einladung:

„Verändert Longevity Konsum und Wachstum?
Viele Produkte sind für den schnellen Zyklus gemacht. Doch was, wenn Langlebigkeit zum Geschäftsmodell und Wettbewerbsvorteil wird?
Der NIM Market Decisions Day widmet sich dieser Frage und beleuchtet den Megatrend Longevity aus neuen Perspektiven: für Produkte, Marken und Märkte – auch im Kontext neuer regulatorischer Entwicklungen wie dem Right to Repair.
THEMEN SIND U.A.:
– Was macht Produkte zukunftsfähig in einer Welt des schnellen Konsums?
– Wie werden Reparierbarkeit, Qualität und Design zu Wettbewerbsvorteilen?
– Wie funktioniert Circular Economy jenseits von Buzzwords als Geschäftsmodell?“

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Ute Danzer (re.) mit Greta Münzenberg und dahinter der WERTGIGANT, ein 6 Meter großer Riese aus einer Tonne Elektroschrott des Künstlers HA Schult, dessen Reparaturappell er als Videobotschaft ständig abspielt

Weil Thomas die Tickets organisieren konnte, lud ich auch Ute Danzer und Start-up-Gründerin Greta Münzenberg (die Nichte meines Mitgründers und die Tochter unseres IT-Spezialisten) dazu ein, in der Hoffnung, sie dort ein wenig für den Nachhaltigkeitspfad motivieren zu können.

Der Start um 9:30 Uhr in der myEVENT WORLD Nürnberg

Die routinierte Moderatorin Prof. Nadia Kailouli auf der Bühne, Prof. Maja Göpel (li.) und Prof. Karin Huber-Heim

Weil wir temporal ein wenig – gottseidank unbenötigte – Staureserve eingeplant hatten, waren wir schon kurz vor 9 am Start und konnten direkt auf dem genialen Gelände der myEVENT World parken. Ob des guten Kaffees der Rösttrommel und des köstlichen Frühstücks war die Zeit sehr angenehm. Außerdem konnte man sich schon mit Referenten unterhalten und einige Wegbegleiter treffen. In der ersten Vortragsrunde ging es um das Ende der Wegwerfökonomie, oder neudeutsch Circular Economy, also die Kreislaufwirtschaft, die aktuell den Namen Nachhaltigkeit ablöst, weil es halt niemand mehr gerne sagt oder hört. Nunja, als wir 1988 mit den Möbelmachern begannen, gab es als Begriff nur den ökologischen Ansatz. Nachhaltigkeit und Sustainability hieß es ab Mitte der 90er Jahre und jetzt halt Kreislaufwirtschaft. Aber wichtiger ist immer, was man macht, und nicht, wie man es nennt.

Wir schrieben im Kalender 2012 dereinst:
„Vor 24 Jahren haben Gunther Münzenberg und herwig Danzer Die Möbelmacher als ökologische Schreinerei gegründet, die bis heute ausschließlich mit dem Massivholz aus der Region und Naturharz-Ölen (und einigen anderen ehrlichen Materialien wie Glas, Edelstahl oder Leder) arbeitet. Den Begriff der Nachhaltigkeit verwenden wir seit Mitte der Neunzigerjahre ebenso behutsam wie bewusst, weil er aus „unserer Forstwirtschaft“ kommt und wir ihn gegen das Greenwashing der „Aufgesprungenen“ bis zum letzten Hobelspan verteidigen werden. Unterstützung bekommen wir dabei von Ulrich Grober, dessen Buch „Die Entdeckung der Nachhaltigkeit“ wir im letzten Kalender empfahlen.

Prof. Maja Göpel war für mich wie immer das Highlight des Tages, weil sie die Erfahrungen ihrer Forschungs- und Überzeugungsarbeit so anschaulich kommuniziert, dass man sich fragt, warum es immer noch (und leider auch wieder) Politiker gibt, die die erforderlichen Transformationsprozesse nicht verstehen (wollen)?

Prof. Karin Huber-Heim erklärt die Wegwerfmentalität aus der Geschichte der Nachkriegszeit

Eine grandiose Weiterführung von Majas Vortrag gelang Prof. Karin Huber-Heim, die ohne vorherige Absprache alle Forderungen der Transition Dynamics ergänzte und in den historischen Kontext einbettete. Denn Konsum um jeden Preis und schnelles Wegwerfen war eine tatsächliche Forderung der Wirtschaft und nicht einfach ein Nebeneffekt der niedrigen Preise.

Ein grandioses Beispiel aus der Textilwirtschaft stellte Angelique Thummerer von Turns vor: Als „fränkische Textilrevolution“ bezeichnet sie die mit ihrer Mitgründerin entwickelte Dienstleistung für Textilrecycling von Berufskleidung und mehr. Sie können wirklich von der Altkleiderorganisation bis hin zum daraus neu gefertigten Produkt alle Schritte transparent machen. Der Prozess und die bisherigen Umsetzungen sind nicht zuletzt in ihrer Paräsentation beeindruckend.

Geballte Fachkompetenz auf der NIM-Bühne

Im anschließenden Expertengespräch hat Moderatorin Nadia Kailouli mit den richtigen Fragen alle Argumentationsketten verknüpft. Respekt für diesen Überblick.

Zweite Runde mit Praxisbeispielen von Miele und Ortlieb und die Markenführung am Ende des Produkts

Als Miele-Händler, der bisher keine Spülmaschinen, Dampfgarer oder Backöfen von anderen Herstellern verkauft hat (Kochfelder, Dunstabzüge und andere Dinge schon, weil sie da nicht alles haben, was wir uns wünschen) war der Vortrag von Marketing-Vice-President Andreas Wieser schon angenehm, aber natürlich auch nicht neu. Dass auch Ortlieb auf Langlebigkeit setzt, war mir auch klar, Martin Esslinger hat das sehr glaubwürdig dargestellt.
Die schönste Mielwerbung ist für mich immernoch der „Die Torte ist weg“-Spot aus dem Jahr 1967.

Joe Macleod, and END, Founder and Head of Endineering:  Why consumer endings are critical for human meaning – and your brand‘s future  

Auch die Referenten waren begeistert von Joe Macleods Endineering

Absolut grandios war dann aber der Vortrag von Joe Macleod, der sich auf das Ende eines Produkts konzentrierte und aufzeigte, was man dort alles verbessern könnte. Da waren auch die anderen Referenten baff erstaunt und fotografierten die Folien, was das Zeug hielt, weil er ein ganz neues Verständnis für den Tod des Produkts schuf und dafür, was man hier für die Marken verbessern könnte.

Flotte Mittagspause mit Forschungsbeiträgen

An dieser Stelle mal das Lob an das Cateringteam: Knapp 400 Leute bekamen fast alle gleichzeitig etwas Feines zu essen. Überhaupt war die Organisation des ganzen Tages absolut perfekt, die Klimaanlage war super angenehm und alle Beteiligten absolut zuvorkommend. Im Erdgeschoss gab es noch zwei zusätzliche Vorträge von Dr. Fabian Bruder (Der Konsument und das lange Leben: Wo der Markt für Human Longevity beginnt und wo er an Grenzen stößt) und Dr. Michael K. Zürn (Konsum mit Kreislaufproblemen: Von Marken, Missgunst und Omas Töpfen), die beide das Interesse an Forschungsaufträgen wecken sollten. Denn mit den richtigen Fragen an die Wissenschaftler und ein wenig Kleingeld kann man wertvolle Erkenntnisse aus den Ergebnissen ziehen, was sie anhand zweier Beispiele auch humorvoll begründeten.

Lustiger Nebenschauplatz: Während die Deutschen, Franzosen, Schweden und Amerikaner lieber älter würden als die statistische Lebenserwartung es erwarten lässt, ist das Wunschalter der Japaner bei nur 80,8 Jahren, obwohl sie eine Lebenserwartung von 87,9 Jahren haben. Irgendwie waren die Vorträge ein kleines Déjà-vu an mein Soziologiestudium. Wären nicht 1988 die Möbelmacher entstanden, hätte ich mich wohl viel öfter in meinem Leben mit Grafiken und Tabellen beschäftigt.

Die Reparaturrunde

Die NIM-Direktorin Dr. Katharina Gangl zeigte aus psychologischer Sicht auf, an welchen Punkten man die Kultur des Reparierens fördern sollte, und der Praktiker Konrad Lehmann von WERTGARANTIE erklärte uns, an welchen Stellen das neue „Recht auf Reparatur“ leider falsch verstanden wird. Insgesamt durchaus sinnvoll, aber ob des Fachkräftemangels auch nicht ganz leicht umzusetzen.

Die alte Küche unserer Kunden wanderte in eine Studenten-WG

Für uns war das irgendwie seltsam, denn im Moment bauen wir einige 30 Jahre alte Küchen um, ergänzen sie und bauen sie in den neuen Häusern ein. Wir haben schon immer alles repariert, im Zweifelsfall umgebaut oder einfach zurückgenommen und dafür andere Kunden gesucht, die sich drüber freuen. Eine Fachzeitschrift wird in Kürze sogar einen Artikel über unsere ÜBRIGES-SEITE machen, auf der wir übrige Dinge vorstellen und anschließend dokumentieren, wie und wo sie eine neue Verwendung fanden.

Escoffier und Horx

Der KI-Spezialist Bjoern Eskofier (seines Wissens nicht mit dem Koch verwandt) möchte im Gegensatz zu den vorherigen Beiträgen genau die gerade für Geräte geforderte Reparatur in der Humanmedizin durch Prävention und Monitoring ersetzen. Er bot einen faszinierenden Blick in die Zukunft.

Tristan Horx ist der Sohn des Zukunftsforschers Matthias Horx, dem wir schon seit 20 Jahren interessiert folgen, und seiner Mutter Oona, deren Einrichtungstrends wir in diesem Artikel besprachen. Wie in deren empfehlenswertem Buch 15 Gegentrends – Wie die Zukunft ihre Richtung ändert  schilderte Tristan im Rahmen der Omnikrise die Trendforschung. In seiner Grafik sind unsere Möbel und Küchen als „unter Druck stehende Kategorien“ global mit minus 21 Prozent Einsparungen wohl bei den hochpreisigen Anschaffungen zu finden. Schlimmer hat es nur alkoholische Getränke (–23 %) erwischt, Wohndekor ist mit minus 20 % fast gleichauf. Nicht gespart wird dagegen bei den Ausgaben für Kinder, Lebensmittel und Gesundheit. Das erklärt ziemlich genau die aktuelle Lage in der Möbel- und Einrichtungsbranche.

Deutlich positiver stimmte dann aber seine Forderung nach der „blauen Ökonomie“ und die Perspektive der Vision: „Wir erfinden die Welt neu und richten unsere Handlung an der Zukunft aus“. Was für ein schönes Schlusswort und hoffentlich Motivation für die jungen Menschen, wie zum Beispiel POS-Spezialisten Greta Münzenberg, die in ihrem Beitrag auf LinkedIn schrieb:

Greta (mitte) im Plakatwettbewerb (neudeutsch Poster Award)

„Der NIM Market Decision Day hat das Thema „Zukunft von Konsum und Wachstum“ in die Mangel genommen.
📈 Im Mittelpunkt standen Fragen, die uns alle betreffen: Wie gestalten wir Produkte wirklich nachhaltig? Wie können Reparaturfähigkeit und Langlebigkeit wieder stärker in den Fokus rücken? Und wie schaffen wir es damit auch die Konsumentinnen und Konsumenten zu erreichen? Was ist tatsächlich nachhaltig und was versteckt sich lediglich hinter Begriffen wie „Recycling“?
♻️ Nachhaltiger Konsum erfordert nicht nur innovative Produkte, sondern auch ein Umdenken in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ich dachte mir, wie kann ich das am besten im Bereich POS-Displays an meine Kunden heranführen. Ganz einfach: Weg mit den Wegwerfdisplays und ran an die Modularität. Denkt weiter. Konzipiert ein Display, das nicht nur für die neuste Produktserie funktioniert, sondern auch für zukünftige Produkte eingesetzt werden kann.✨“

Wegbegleiter treffen und Ausklang

Greta, Ute und Michael

Dank für die perfekte Moderation an Prof. Nadja Kailouli

So eine Veranstaltung besteht aber ja nicht nur aus Vorträgen, sondern auch aus den hervorragend organisierten Pausen, am Ende gab es sogar noch Gegrilltes und Cocktails. Gleich in der Früh trafen wir Maik Heisser von der Afag, mit dem wir unzählige Consumenta-Messen gemeinsam überstanden haben, und gegen Ende Michael Röthel, mit dem wir bei der CSRegio 2013 in Bayreuth zusammenarbeiteten. Auch mit der Moderatorin und einigen der Referenten konnte man sich bei Gegrilltem und einem Gläschen Wein noch wunderbar austauschen. Es war wirklich ein ebenso informativer, inspirierender wie angenehmer Tag, herzlichen Dank dafür.

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Hier ist der offizielle Bericht der NIM auf LinkedIn: Longevity ist mehr als ein langes Leben

Noch ein lobender Beitrag auf Linkedin

 

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