Die überraschende Einladung zum Tag des Handwerks
Wir waren schon etwas überrascht, die Einladung zum Handwerkstag der Bayerischen Staatsregierung in die Orangerie nach Ansbach zu erhalten.
„Wir laden Sie herzlich zum Tag des bayerischen Handwerks ein … und richten diese Einladung in diesem Jahr erstmals ausdrücklich auch direkt an Handwerksbetriebe wie Ihren.“
Aber wir dachten uns nicht viel dabei, vermutlich haben sie auch alle anderen Schreiner zum ersten Mal erhalten. Aber weit gefehlt, ich traf (oder erkannte) keinen einzigen Kollegen. Der Grund für unsere Teilnahme war der Vortrag von unserem Wegbegleiter bei der EFQM-Geschichte in Nürnberg im Jahr 1999, dem heutigen Professor Frank Ebinger, damals noch Doktorant.
Und den Präsidenten der Handwerkskammer Mittelfranken kennen wir auch schon ewig von den Freisprechungen der Gesellinnen und Gesellen und von unserer Ernennung zum Umweltbotschafter 2003.
Was ist der Bayerische Handwerkstag (BHT)?
Erstmal hat mich interessiert, was der Handwerkstag überhaupt für eine Institution ist, also befragte ich Google und fasse es so zusammen:
Der BHT ist ein eingetragener Verein (e.V.) mit Sitz in München und er ist keine Behörde, sondern ein freiwilliger Zusammenschluss (Dachverband), in dem die beiden Säulen des Handwerks in Bayern vertreten sind. Seine Rolle zwischen den Handwerkskammern und dem bayerischen Wirtschaftsministerium definiert sich am besten als Schnittstelle, Übersetzer und politischer Arm. Er bündelt die Interessen der verschiedenen Kammern und Gewerke, um eine einheitliche Willensbildung zu erreichen und diese starke, gemeinsame Stimme gegenüber der Politik, der Wirtschaft und der Öffentlichkeit zu vertreten.
Die einzelnen Kammern dürfen sich politisch oft nur zurückhaltend äußern. Der BHT als privatrechtlicher Verein (e.V.) ist dagegen politisch wesentlich freier. Er koordiniert die überregionalen und grundsätzlichen Forderungen aller Kammern. Während die Handwerkskammern die Verwaltung und die regionale Betreuung der Handwerker übernehmen, ist der Bayerische Handwerkstag die politische Speerspitze, die die geballte Kraft des bayerischen Handwerks bündelt, um im Wirtschaftsministerium Gehör zu finden. Wir dachten uns, es muss ja kein Fehler sein, wenn man auf der Suche nach Nachfolgerinnen oder Nachfolgern just die Menschen trifft, die einem im Zweifelsfall bei Neugründungen, Nachfolgeregelungen und allen sonstigen Ideen auch weiterhelfen könnten.
Die Ankunft in Ansbach und das Restaurant Maharadja
Die Veranstaltung begann um 13:30, also wollten wir nach unserer sonnenstrom-elektrischen Anfahrt noch etwas zu Mittag essen. Das Hotel und Gasthaus Hürner, das auch in der Orangerie für das Catering zuständig ist, fanden wir einladend, zumal sie über eine Tiefgarage verfügen, wo man vielleicht auch den Nachmittag über stehen bleiben kann. Aber weit gefehlt, dort gibt es an einem Donnerstagmittag leider nichts zu essen und die leere Tiefgarage mussten wir auch wieder verlassen.
Ich fand das indische Lokal Maharadja daneben ja schon bei der Recherche im Vorfeld sehr einladend und dort haben wir dann in Sichtweite zur Orangerie gar köstlich indisch gegessen, uns lange mit dem Inhaber unterhalten und eine 5-Sterne-Bewertung auf Google hinterlassen.
Empfang in der Orangerie
Dass ein Minister immer Polizei dabei hat, kennen wir schon seit unserer Ernennung zum Umweltbotschafter durch Werner Schnappauf, als Polizisten die Durchfahrt nach Oberkrumbach kontrollierten, diesmal waren es zwei sympathische Polizistinnen.
Nach dem Auslesen des QR-Codes der Eintrittskarte (übrigens von meinem Smartphone! Wobei ich als Boomer – zugegeben – sicherheitshalber auch einen Ausdruck dabei hatte, man weiß ja nie …) wollten wir unsere Namensschilder am Infostand abholen. „Das Wichtigste bei solchen Veranstaltungen ist das Namensschild“, zitierte daraufhin eine Dame unseres Alters ihren ehemaligen Chef und bedauerte, keine aushändigen zu können. Aber dafür füllt man doch den ganzen Sermon aus, dass idealerweise mit einem QR-Code am Namensschild alle Kontaktdaten eingelesen werden können? Naja, wir haben uns die gewonnenen Kontakte dann per Stift notiert, also auf Papier, Sie wissen schon, analog.
Die Orangerie ist in der Tat ein beeindruckendes Gebäude: „Sie ist ein architektonisches Juwel des Barocks und eines der bedeutendsten historischen Bauwerke in Franken. Sie wurde nicht als reine Pflanzenschauhalle, sondern explizit als schlossähnliches Lustschloss und Gartenschloss konzipiert.“
Der Vortrag von Prof. Dr. Frank Ebinger
Nach den Grußworten begann Frank mit seinem kompetenten Vortrag, der auf 5 Ebenen die Kategorien für Zukunftsfähigkeit in (Handwerks-)Betrieben ausführlich beschrieb. Ich hatte nur den Eindruck, dass nur wenige von den rund 150 Gästen wirklich noch handwerklich tätig oder interessiert waren.
Jedenfalls war die bei manchen fehlende Aufmerksamkeit nicht schön und schwätzende Gäste in guten Anzügen störten tatsächlich auch das Zuhören. Das spürte wohl auch Frank, der bei diesem illustren Publikum auch nicht ganz so locker war, wie ich ihn in Erinnerung hatte, dafür war sein Vortrag inhaltlich ausgesprochen informativ.
Praxisbeispiel von zwei Unternehmerinnen, die die Nachfolge erfolgreich gelöst haben
Sabine Koch und Anna Meusert, zwei engagierte Unternehmerinnen, erzählten ihre Erfahrungen mit der Nachfolge, die eine von langer Hand geplant, die andere nach dem Tod des Vaters eingesprungen. Im Interview mit Markus Othmer (BR-Moderator) gaben sie tiefe Einblicke in ihren Erfahrungsschatz und sparten auch nicht mit Kritik an der Bürokratisierung.
Im Anschluss kündigte Markus Othmer die Schlussrede von Handwerkskammerpräsident Mittelfranken Thomas Pirner mit den Worten: „Wir waren beide in derselben Klasse, aus einem ist was geworden, der andere ist Präsident der Handwerkskammer.“
Thomas Pirner zum Schluss
Pirner antwortete humorvoll, weil er mit Othmer wirklich schon seit der Oberschule befreundet ist, und widmete sich dem stilvollen Abschluss der Veranstaltung mit einem Plädoyer fürs Handwerk: „Zukunftsfähigkeit ist für das Handwerk nicht einfach ein Schlagwort, sie ist gelebter Alltag. … Werte entstehen im Handwerk nicht nur auf dem Papier, sie entstehen durch Können, durch Erfahrung, durch Verantwortung und Menschen, die anpacken und das von der Theorie in die Praxis umsetzen.“
Es war sehr kalt, aber erfolgreich
Normalerweise ist ein Defekt an der Klimaanlage mit Schwitzen verbunden, bei uns war das Problem aber die ausgefallene Steuerung derselben, was zu sibirischer Kälte vor dem Klimawandel führte. Die Damen in Kleidern litten darunter deutlich mehr als die Männer in Anzügen, meist ist es bei offiziellen Anlässen ja andersrum. Ute Danzer tauschte sich mit einem anderen weiblichen Kälteopfer aus der zweiten Stuhlreihe humorvoll aus und ein paar Minuten später kam die Überraschung:
Denn später sprachen wir mit Thomas Pirner und dem bayrischen Wirtschaftsminister über unsere aktuelle Nachfolgeoption – die eingeplanten Nachfolger werden nun doch nicht nicht folgen – zum Beispiel über eine inklusive Werkstatt, die von einem sozialen Träger als gemeinnützige GmbH die Geschäfte der Möbelmacher weiterführt und neue Geschäftsideen im Rahmen ihrer Verbindungen entwickelt. Dabei stellte sich heraus, dass ausgerechnet sie die Frau ist, die im Ministerium für Nachfolgeangelegenheiten zuständig ist. Was für ein Glück, diese Kontaktdaten schon mal zu haben und mit der Dame gesprochen zu haben, mit der man sich hoffentlich noch oft austauschen wird.
Am Schluss mit Buffet
Ein ausgesprochen vielseitiges Buffet nebst feinem Wein und Minischäuferla mit Klöß kredenzte das oben schon erwähnte Gasthaus Hürner und ergänzte es mit perfektem Service, der auch die bereits Sitzenden versorgte. Wir genossen die Möglichkeit, uns mit Frank Ebinger über die letzten fast 30 Jahre auszutauschen, und vereinbarten (wie immer bei solchen Terminen), uns bald mal gegenseitig zu besuchen. Naja, manchmal klappt es ja wirklich.
Satt und zufrieden machten wir uns nach diesem kühlen, aber inspirierenden Nachmittag auf den Heimweg und gingen anschließend noch zur Eröffnung der Ausstellung „Heilige Orte der Sami“ ins deutsche Hirtenmuseum.
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