von | 1. August 2014

Über die Langlebigkeit von Holz am Beispiel einer 1500 Jahre alten Tür – von Ulrich Grober

Baumwelten, Nachhaltigkeit, Bio und Messen | 0 Kommentare

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Der Journalist, Buchautor und Experte für Nachhaltigkeit Ulricht Grober (Jahrgang 1949) ist unseren Lesern aus den vielen Emfpehlungen seines Buches "DIE ENTDECKUNG DER NACHHALTIGKEIT. KULTURGESCHICHTE EINES BEGRIFFS."  (300 Seiten. Kunstmann Verlag München; gebunden, mit Schutzumschlag; Preis: 19,90 €;) schon lange ein Begriff und wir sind mit ihm noch in regen Kontakt. Neulich schickte er uns als Antwort auf unseren Newsletter den Artikel aus der Zeit, den ich bei seinem Erscheinen schon spannend fand und den ich deshalb hier für unsere Leser nochmal veröffentliche. Seine Frage: "Ist es denkbar, dass aus dem Holz eines Baumes, der 2014 gefällt wird, ein Produkt entsteht, das noch im Jahr 3214 existiert?" Beantworten wir mit "Selbstverständlich, unsere Küchen und Möbel einfach kurz nachölen und wie neu!

 

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Ulrich Grober, den wir bei einer Lesung in Erlangen kennen lernen durften

Karls Tür
Botschaften aus 1500 Jahre altem Holz: Die Geschichte eines verblüffenden
Fundstücks aus dem kaiserlichen Domschatz in Aachen VON ULRICH GROBER

Es ist nur eine alte, ramponierte Tür. Aus
vier Bohlen gezimmert, 1,92 Meter hoch,
1,06 Meter breit, stockfleckig, wurmstichig,
am unteren Ende sind Ecken und
Kanten weggefault. So lehnt sie an der
Wand der Aachener Domschatzkammer:
Zu Beginn des Karlsjahres 2014 – zum
1200. Todestag des Kaisers – hat man sie erstmals ans Licht
der Öffentlichkeit geholt. Nur wenige Schritte entfernt
funkeln die Kleinodien der Sammlung, das Reliquiar mit
Elle und Speiche aus Karls rechtem Arm, die spätgotische
Karlsbüste mit der Schädelkalotte. In diesem Ambiente
wirkt die Tür wie ein Stück Arte povera.

Doch sie hat es in sich. Eine kürzlich an der Universität
Köln vorgenommene Untersuchung ergab, dass die Eiche,
die dem fränkischen Schreiner das Holz lieferte, um das Jahr
800, frühestens anno 766 gefällt wurde. In just jener Zeit
wurde die capella, die Pfalzkapelle, errichtet, jener monumentale
achteckige Kuppelbau im Zentrum des Aachener
Doms, der den spirituellen Mittelpunkt der Pfalzanlage
und damit des gesamten karolingischen Reiches bildete.

Welchem Zweck diente die Tür? Helmut Maintz, der
heutige Dombaumeister, greift nach seinem Schlüsselbund.
Durch einen Nebeneingang der Kirche weist er den Weg über
die Hintertreppe in den nördlichen Treppenturm. Er schließt
eine weitere Tür auf. Ein enger Raum, meterdickes karolingisches
Mauerwerk. Dann stehen wir vor einem steinernen
Türstock. Auf der linken Seite sieht man noch die Vertiefungen
für die Angeln. Hier war die hölzerne Tür in die Travertinsteine
eingehängt. Mehr als 1000 Jahre lang war sie in Betrieb. Erst 1902,
als man begann, den Innenraum des Doms mit Marmor zu verkleiden, wurde
sie in einen Abstellraum verbannt.

Wir wenden uns nach rechts, Helmut Maintz schließt eine weitere Tür auf. Ein
Gänsehaut-Erlebnis: Nur wenige Meter entfernt steht der Thron Karls des Großen
im Dämmerlicht. Wir befinden uns in der Kaiserloge auf der Empore der
Pfalzkapelle. Vor 1200 Jahren führte durch die hölzerne Tür der kürzeste Weg von hier zur Aula
Regia, der Königshalle der Pfalzanlage, an deren Stelle heute
das Rathaus steht. Wann immer der Kaiser also von seinem
»Büro«, wie Helmut Maintz sagt, in die Kirche ging oder zurück,
musste er diese Tür öffnen oder von einem Domestiken
öffnen lassen. Bücken musste er sich in jedem Fall. Denn dass
Karl der Große tatsächlich ein Hüne von fast zwei Metern
Körpergröße war, ist ziemlich glaubwürdig nachgewiesen.

Zurück in der Schatzkammer. Noch einmal nehmen wir
die vergammelte Tür in Augenschein. Das Eichenholz wurde
mit der Axt kunstvoll behauen. Die Bohlen verjüngen sich
leicht nach oben und unten. Die Oberfläche ist mit großer
Sorgfalt geglättet. Mit einer ausgefeilten Technik sind die vier
senkrechten Bretter zusammengefügt. Man erkennt so etwas
wie Nut und Feder. An der Rückseite sind zur Verstärkung
zwei Querbalken angebracht. Das halbmondförmige Eisen
an der Vorderfront, eins von ursprünglich vier, diente zur
Verankerung der Tür in der Mauer. Die beiden horizontalen
Eisenbänder sind dagegen bloßer Zierrat. Darunter hängen
Fetzen von vergilbtem Leder. Ursprünglich waren die Bretter
ganz mit – möglicherweise rotbraun glänzendem – Leder
bezogen. Die schlichte Tür war einmal etwas Exquisites. So
wie alles in der capella Karls des Großen.

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»Für den Bau hat man nur das Beste vom Besten genommen
«, sagt der Dombaumeister. Die tonnenschweren Bronzeportale
wurden vermutlich von Handwerkern aus dem
Mittelmeerraum gegossen, die sich noch mit den antiken
Techniken auskannten. Für das Mauerwerk hat
man exakt dieselbe Art von Mörtel verwendet wie
beim Bau der Hagia Sophia in Konstantinopel,
dem 250 Jahre zuvor fertiggestellten Vorbild des
Aachener Oktogons. Spezialisten aus ganz Europa
– möglicherweise sogar aus Armenien und
aus Bagdad – habe man nach Aachen
geholt. »Aber nicht«, betont Helmut Maintz, »um eine Pfalz für Karl den Großen
und seine Nachfolgegenerationen zu schaffen, sondern um
für die Ewigkeit zu bauen – und natürlich für die Gottesmutter
Maria.« Der Historiker Johannes Fried beschreibt die
Aachener Pfalzkapelle in seiner kürzlich erschienenen Karls-
Biografie als »steingewordenes Gebet«.

Karls Tür ist ein Artefakt aus einem nachwachsenden
Rohstoff, das 1200 Jahre – 40 Generationen – überdauert
hat. Als man den Baum fällte, wird er bereits 300 Jahrringe
gehabt haben. Die Biografie der kaiserlichen Tür reicht also
zurück bis in die geheimnisumwitterte Epoche, in der die
Angeln und Sachsen aus der Norddeutschen Tiefebene zur
Landnahme in Britannien aufbrachen, wo der sagenhafte
Zauberer Merlin durch die Wälder schweifte und König
Artus seine legendäre Tafelrunde einberief. 200 Kilometer
Luftlinie von Aachen entfernt, an dem sauerländischen Flüsschen
Diemel, errichteten damals die noch heidnischen
Sachsen ihr hölzernes Heiligtum, die Irminsul – zerstört von
Karl dem Großen im Jahr 772.

Mangel an Holz war zu jener Zeit in der Region
zwischen Aachen, Lüttich und Maastricht noch kein Problem. Die
Ausläufer von Eifel und Ardennen waren über weite Strecken
von Urwald bedeckt. In seinen Bannforsten ging der Kaiser
mit seinem Gefolge auf die »hohe Jagd« nach Hirschen und
Schwarzwild oder badete im warmen Wasser der noch heute
sprudelnden Quellen seiner Lieblingspfalz. Gleichwohl
hatten die Zeitgenossen ein ambivalentes Verhältnis zum
Wald: Das undurchdringliche Gehölz galt um 800 als Hindernis
bei der Besiedlung und Entwicklung des Frankenreichs. Im Capitulare
de villis, dem karolingischen Hofgütererlass,
heißt es: Zur »guten Obhut« (custodia)
gehöre es, Rodungen und kultiviertes
Land vor der Rückeroberung durch den Wald zu schützen. Man
dürfe aber auch »nicht zulassen«, dass die Wälder »da, wo sie sein sollen, kahl geschlagen
und zugrunde gerichtet« werden.

In diesem Dokument karolingischer Regierungskunst erscheint rudimentär
eine Strategie der Nachhaltigkeit. Ihr Schlüsselbegriff: praevidere
– vorausschauen und vorsorgen. Ist es denkbar, dass aus dem Holz eines Baumes, der 2014
gefällt wird, ein Produkt entsteht, das noch im Jahr 3214
existiert? Und werden die Menschen 40 Generationen nach
uns noch Wälder vorfinden, die sie mit Holz, frischer Luft
und sauberem Wasser versorgen? Eine Spurensuche im »Öcher Bösch«. So nennen die
Aachener heute liebevoll ihren Stadtwald. Man wandert eine
knappe halbe Stunde – und fühlt sich in ein stilles Eifeltal
versetzt. Gerd Krämer ist der zuständige Forstamtsleiter. Im
Gespräch erwähnt er einen Bürger, der ihm kürzlich stolz
erzählte, er habe sich einen Tisch aus Aachener
Holz machen lassen. Doch der Förster lässt keinen Zweifel, dass so etwas
selten vorkommt. Auf die Frage nach der Zukunft dieses
Waldes sagt er: »Wir haben hier in Aachen eine innige Mischung
von Baumarten. Das ist eine gute Ausgangsposition.
«
Die Stadt Aachen verfährt in ihrem Wald nach den strengen
Richtlinien des Forest Stewardship Council. Diese wenden
die Beschlüsse des Erdgipfels von Rio zur nachhaltigen
Entwicklung auf die Wälder des Planeten an. So kehrt die
karolingische custodia im 21. Jahrhundert zurück – in Gestalt
von Gütesiegeln für streng nachhaltig bewirtschaftete Wälder.
Karls Tür tat ihren Dienst über ganze Menschheitsepochen
hinweg. Bis Ende April ist sie noch in der Domschatzkammer
zu besichtigen. Ob sie im Sommer auch in der großen Aachener
Schau zum Karlsjahr Macht – Kunst – Schätze ausgestellt
wird, ist noch ungewiss. Es wäre schade, wenn nicht: Als Alltagsgegenstand
bringt sie uns die Zeit Karls des Großen womöglich
näher als so manches Objekt sakraler Kunst – und
bietet sich zugleich als Medium an, um über die Gegenwart
zu reflektieren. Die Traubeneiche übrigens, aus dessen Holz
sie gefertigt wurde, ist der Baum des Jahres 2014.

Ulrich Grober

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