von | 31. März 2019

Der Palmölkompass von Frauke Fischer und Frank Nierula: Nachhaltigkeit bei „Bäumen“ aus der entfernten Nachbarschaft

Allgemein, Bücher | 2 Kommentare

Meist erzählen die Möbelmacher in ihrem  2005 gegründeten  Nachhaltigkeitsblog die Geschichte von den Bäumen aus der Hersbrucker Alb, die mit ultrakurzen Transportwegen glänzen und die von der Forstbetriebsgemeinschaft geerntet und bei uns angeliefert werden.

Aber Nachhaltigkeit betrifft nicht nur unsere Möbel- und Küchenproduktion, sondern auch alles, was bei uns gekauft und verarbeitet wird. Bei Lebensmitteln zum Beispiel könnte einen die Diskussion über die unterschiedlichen Fette sehr schnell auf die Palme bringen: genau jenen Baum (eigentlich nur „baumähnlich“), der selbst in Zeiten des Klimawandels noch nicht in Franken (Durchschnittsjahrestemperatur 9 Grad; 810 Liter Regen), sondern nur in den Tropen (Durchschnittsjahrestemperatur 28 Grad, 2890 Liter Regen) gedeiht und trotzdem – ob seiner Früchte und dem daraus gewonnenen Palmöl oder Palmkernöl – für die Welt ebenso wichtig, wie umstritten ist. Diese Tabelle und Grafik zeigt das sehr eindrucksvoll:

An unserem Brotzeittisch führten die Möbelmacher zahllose Diskussionen über Palmöl und Nutella, aber nichts Genaues wusste eigentlich niemand. Diese Lücke schließt jetzt das aus der Magisterarbeit von Frank Nieruda hervorgegangene und gemeinsam mit Frauke Fischer im Oekom Verlag gerade erst veröffentlichte Buch „Der Palmölkompass,“ weil es umfassend alle positiven wie negativen Eigenschaften, ökologisch, sozial, klimatisch und überhaupt darstellt und im Kapitel „Was tun“ auch noch viele sinnvolle Tipps zum eigenen Engagement gibt. Denn leider gibt es auf dieser Erde keine einfachen Lösungen mehr!

Als wir uns Anfang der achtziger Jahre mit Nicaragua-Kaffe noch die Magenwände verätzten, wussten (oder glaubten) wir: Eduscho ist böse, aber unser Kaffee rettet die Welt. 40 Jahre später brauchen wir bei dem sehr verwandten Thema „Palmöl“ fast 200 Seiten, um zuerst mal zu begreifen, worum es wirklich geht (Kapitel 1: „Pflanze und Produkt“; Kapitel 2 „Palmöl wirkt“), wie es wo und warum vorkommt und verwendet wird (Kapitel 3:“ Handel und Industrie“; Kapitel 4 „Palmöl in unserem Alltag“) und was wir tun und hoffen können (Kapitel 5: „Was tun“; Kapitel 6: „Ein Blick in die Zukunft“). Die Welt wird komplizierter und verantwortungsvoller Umgang mit Lebensmitteln, Kosmetikartikeln oder Treibstoff (da sind 43% der Palmölproduktion drin) erfordert intensive Beschäftigung mit dem Thema. Genau das machen die Autorin und der Autor mit vielen Links (www.umweltblick.de) und Apps (www.zeropalmoel.de und www.codecheck.info) überschau- und organisierbar. Deshalb kann man das informative Buch wirklich empfehlen (als Nachhaltigkeitsblogger bekamen wir ein kostenloses Exemplar vom Verlag, aber wir empfehlen es aus ehrlicher Überzeugung).

Den allgemein geforderten „verantwortungsvollen Einkauf“ würden wir uns nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei Küchen und Möbeln wünschen, denn formaldehydbelastete Spanplatten und deren Beschichtung mit Plastik zählen da wohl nicht dazu. Wir möchten die Statistik nicht kennen, wie viele der Autoren wichtiger Nachhaltigkeitsstudien selbst an Kunststoffschreibtischen sitzen.  Wer bei Lebensmitteln aufmerksam ist, könnte Kriterien wie öko, sozial und nachhaltig auch bei Möbeln und der Einrichtung einfordern, aber da wird es wohl noch viel schwieriger, als beim Palmöl. Vielleicht müsste der Oekom Verlag ein Buch darüber herausbringen?

Fazit:
Der Palmölkompass ist sicher das zuverlässigste Werk zur realistischen Einschätzung von Palmöl und dessen Auswirkungen. Die Lesezeit lohnt sich, weil die Rechnung „Nutella ist böse“ heute zu denen der Milchmädchen und -jungen zählt (hier nachzulesen). Das Buch hilft beim Verständnis und Einkauf, wir fühlen uns im Naturgedanken nicht zuletzt für unsere Kochveranstaltungen bestätigt: naturbelassene Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Gemüse und Hülsenfrüchte brauchen kein Palmöl. Palmölhaltige Lebensmittel wie Margarine oder Nussnougatcreme, Wurstwaren, Fertiggerichte oder Süßigkeiten verwenden wir sowieso nicht. Wir braten mit Olivenöl, Butterschmalz und Kakaobutter, machen die Soßen selbst und haben nur an der Tankstelle ein Problem, das das Buch leider auch nicht lösen kann, denn „es ist kompliziert.“

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Über die Autoren

Für die promovierte Biologin Frauke Fischer dreht sich alles um Biodiversität und gesellschaftliche Verantwortung. Sie hält Vorträge und Workshops und gründete 2003 die Agentur »auf!«, die Unternehmen bei ihrem Engagement für Nachhaltigkeit, Klimaschutz und den Erhalt von Biodiversität berät.

Der Biologe Frank Nierula schloss sein Biologiestudium mit einer Magisterarbeit über Folgen und Hintergründe des industriellen Anbaus der Ölpalme in Südostasien ab. Seitdem beschäftigte er sich mit der Frage, wie Konsumenten zu einer Verbesserung der Situation beitragen können

Wohlformulierte Rezension von Sacha Rufer

Frauke Fischer, Frank Nierula
Der Palmöl-Kompass
Hintergründe, Fakten und Tipps für den Alltag
176 Seiten, oekom verlag: München 2019
ISBN-13: 978-3-96238-106-6, 20 Euro
Kaufen Sie nur in Ihrer Buchhandlung!

2 Kommentare

  1. Eveline

    Wow. Sehr gute – wissenschaftlich fundierte – Analyse!

    Antworten
  2. Dietmar Dala

    Vielen Dank für den Buchtipp. Leider gibt es so viele Leute die beim einkaufen gar nicht auf die Zutaten der Produkte achten.

    Die Palmölgewinnung ist eine der größten Umweltkatastrophen die wir aktuell haben aber es interessiert leider nur sehr wenige Menschen

    Antworten

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