von | Jul 13, 2022

Wir trauern um unseren Freund und erzählen von dem Sarg, der eigentlich eine Bar werden sollte

Allgemein, RUND(um´s)HOLZ

Schon vor vielen Jahren hatte unser fast schon komplett eingerichteter Freund und Kunde die Idee, dass auch sein letztes Möbelstück aus Unterkrumbach kommen soll. Immer wieder haben wir mal drüber gesprochen, aber erst Mitte des Jahres 2021 dann konkret daran gearbeitet. In seiner ersten Mail schrieb er:

Servus Herwig, wollte mir ja schon lange einen ganz einfachen Sarg aus Buche von Euch machen lassen. Kannst Du mir das bitte mal kalkulieren. Länge mind. 180 cm, Schulterbreite mind. 50 cm, Höhe mind. 40 cm. Zunächst Nutzung als Sitzbank gedacht.
Herzliche Grüße Micha

Western-Sarg mit Bar-Einrichtung

 

Den Entwurf des Western-Sarges stellten wir dann im Jahrbuch 21 vor und anhand der Fertigungszeichnungen erklärten wir, dass vorläufig nicht der Kunde selbst, sondern seine Bar darin Platz finden soll. Zusätzlich wäre der Sarg als Sitzbank im Musikzimmer genutzt worden, denn dort fanden regelmäßig Kammerkonzerte statt. Weil die fest am Boden verschraubte Kinobestuhlung für die eingeladenen Gäste oft nicht ausreichte, wären das weitere, mit Kissen gepolsterte Notsitzplätze geworden, das war zumindest der Plan.

Die Mail mit dem Schumann-Lied und dem Text von Heinrich Heine

Am 22. November erreichte uns seine Mail nur mit einem Notenblatt, dass uns ob der Textzeilen schwer betroffen machte.

Lieb Liebchen, leg’s Händchen aufs Herze mein;—
Ach, hörst du, wie ‘s pochet im Kämmerlein?
Da hauset ein Zimmermann schlimm und arg,
Der zimmert mir einen Totensarg.
Es hämmert und klopfet bei Tag und bei Nacht;
Es hat mich schon längst um den Schlaf gebracht.
Ach! sputet Euch, Meister Zimmermann,
Damit ich balde schlafen kann.

Er wohl gespürt, dass uns das etwas ratlos macht, weshalb tags darauf eine Mail hinterherkam:

Ansonsten wollte ich Euch mit meinem Schumann nicht unter Druck setzen. Ich hab nur geprobt (Anm. des Autors; für das geplante Konzert im Musikzimmer) und bin an dem Text logischerweise hängen geblieben.
Herzliche Grüße
Micha

 

Der Schock

Am 27.12. 2021 bekamen wir einen Anruf von seiner Frau, Michael sei gestern am zweiten Weihnachtsfeiertag verstorben und der beauftragte Sarg würde jetzt möglichst bald benötigt. Ausgerechnet in diesem Jahr haben wir zum ersten Mal in 33 Jahren mit allen Mitarbeitern Weinnachtbetriebsferien vereinbart (fast, denn natürlich waren wir für Kunden durchgehend besuchbar), jetzt musste die Rolle zurück geschafft werden. Gottseidank waren Werkstattleiter Tobias Raum (ein Tag), Schreinerin Julia Hölzel (drei Tage) und Oberflächenspezialist Horst Hager (ein Tag) so flexibel, dass sie die wohlbegründete Bitte auch im Urlaub erfüllen konnten.

Die schönste Ulme aller Zeiten

 

Aus dem noch gemeinsam mit Michael ausgewählten Holz einer einzigartigen Ulme entstand der Sarg aus Rüster – so heißt das Holz der Ulme – nach Plan, natürlich ohne die Bar. Unser erstes Holzprojekt, das schon kurz nach seiner Fertigstellung verbrannt werden würde (o.k., außer dem fränkischen Albfeuer).

Viele Fragen an den Fachmann

Zunächst haben wir den Plan aber mit Bestatter David Blank durchgesprochen und an seine Anforderungen angepasst, denn abgesehen von einem Kindersarg vor 15 Jahren und einer Urne vor drei Jahren hatten wir mit dieser Thematik noch nichts zu tun. Anfängerfehler wollten wir unbedingt vermeiden.

Das edle Holz war schon im November aus der Trockenkammer in die Werkstatt befördert worden, wo Julia jetzt die Auswahl ganz in Michaels Sinne so „wild wie möglich“ vornahm. Auf den Sargbau als Möbel haben wir uns ja schon früh eingestellt, dass er jetzt aber in seiner ursprünglichen Funktion gebraucht wurde, brachte uns selbst in Trauerstimmung und warf dabei einige völlig neue Fragen auf:

• Welche Termine sind vorgegeben, ist das in dieser Zeit zu schaffen? (Es klappte)
• Massivholz reagiert auf Klimaveränderungen – in welchem Klima wird der Sarg nach der Abholung gelagert werden? (Normales Raumklima)
• Muss die Holzauswahl dem verstorbenen Kunden oder den Angehörigen gefallen? (Am besten allen)
• Der Höhepunkt von Möbelmachermöbeln ist die handschmeichelnde Naturharzöloberfläche „glattwieeinkinderpopo“. Wird er überhaupt noch von jemanden gesehen und berührt werden (ja bei der Einbettung bei der auch die Familie dabei ist) und braucht man die auch innen (Nein, weil dort der Bestatter seine Stoffe und den Auslaufschutz anbringt).
• Braucht ein Sarg, der für die Feuerbestattung vorgesehen ist, Griffe? (Nein)
• Was ist die einfachste Lösung für den Verschluss (seitlich geschraubt)

Schreinerinnenarbeit am Totenschrein

Der Tragweite der Aktion angemessen, habe ich mal wieder Grimms-Wörterbuch aus dem Regal geholt und in Band 15 auf Seite 1726 alles zum „Schrein“ gelesen, der natürlich ein wertvoller Schrank sein kann, aber eben auch ein Totenschrein und damit ein Sarg. Ursprünglich aus der christlichen Tradition des Altarschreines weiterentwickelt für die „heiligen und verehrungswürdigen Gebeine“, später dann im allgemeinen Gebrauch. Aber auch unser Freund Michael war ein Mensch mit besonderer Bildung, Musikalität und Menschlichkeit, so gesehen finden wir das Wort Schrein für seinen Sarg durchaus angemessen.

Ludwig Uhland dichtete 1864:

Und als sie traten zur Kammer hinein,
da lag sie in einem schwarzen Schrein.

Überhaupt ist das Bestatterhandwerk noch oft in Schreinerhand, wobei sie die Särge meist zukaufen.

Fertigungsbeginn

Also legte Julia los, manchmal besprachen wir Holzauswahl und die Größe der Astlöcher und ob oder wie wir sie verschließen, und bald nahm er die gewünschte Form an. Julia konnte den fertigen Sarg noch selbst grundieren, für die nächsten Oberflächenaufträge kam dann Horst Hager zum Einsatz.

Die Mitarbeiter von David Blank holten den Sarg ab, dabei erklärte ihnen Julia noch die Feinheiten der Verschlussidee, bevor der edle Bus mit unserem ersten Westernsarg dann das Gelände verließ.

Wir danken unserem Team für den ungewöhnlichen Einsatz, währenddessen wir auch mit unserer eigenen Trauer zurechtkommen mussten, denn wir haben wirklich einen besonders klugen, hilfsbereiten und liebenswerten Freund verloren.

 

 

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