von | 13. November 2008

Weltrestaurant in Unterkrumbach – die Nachbetrachtung

BETRIEBS(ver)FÜHRUNGEN, Die Massivholzküche, Veranstaltungen | 6 Kommentare

Alle Fotos des Weltrestaurants bei Picasa.

Alle Fotos des Weltrestaurants bei Sevenload.

 

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Die Entstehungsgeschichte zu unserer 10-Jahresfeier des Initiativkreises Holz aus der Frankenalb ist ja hier schon nachzulesen. Der launige Erfahrungsbericht des Journalisten Walter Grzesiek und alle anderen Zeitungsbeiträge finden sich hier.  Ich möchte ein paar Gedanken zur Weltrestaurant-Methode festhalten, um anderen für so ein Experiment Mut zu machen und für unsere nächsten Veranstaltungen keine Erfahrungen aus den Augen zu verlieren. Und ganz nebenbei die wichtigsten Zitate für die Nachwelt festhalten.

Die Einladung

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In der Einladung muss nach unserer Überzeugung ausreichend vor den zunächst unangenehm erscheinenden Besonderheiten des Weltrestaurants gewarnt werden, aber vielleicht nicht ganz so deutlich, wie wir das gemacht haben. Das Trennen der Partner und Gruppen, das Protokollieren der Ergebnisse, das ernsthafte Arbeiten an neuen Erkenntnissen und vor allem das Politiker abschreckende Grußwortverbot haben wir offensichtlich so realistisch dargestellt, dass nichtmal ein kostenloses Viergangmenü mit Biowein und –Bier für überbordenden Andrang sorgte. Das machte nichts aus, alle Plätze waren trotzdem besetzt, aber es führte er zu einer homogenen Gästeschar, die den angekündigten Themen schon sehr verbunden waren. Das zeigte schon die erste Frage, wie viele Menschen mit Holz heizen, es war wirklich die Mehrheit, was sicher das wahre Leben da draußen nicht widerspiegelt. Weltr08freitag086

Die Moderation

Das Wichtigste beim Weltrestaurant ist die Moderation. Wir hatten das Glück mit Roland Zimmermann vom Bayerischen Fernsehen einen altbekannten Profi als Partner zu haben, der zusammen mit uns die Veranstaltung plante, aber den Plan nicht einfach nur umsetzte, sondern der jeweiligen Situation auch kreativ anpasste (ganz ehrlich, ohne Roland hätte ich mich nicht getraut sowas in diesem Rahmen durchzuziehen). Durch die geniale Entscheidung unseren minutengenauen Ablaufplan nicht öffentlich zu machen, hat (hoffentlich) kein Teilnehmer unsere kleinen Pannen bemerkt. Die Einführung in das Thema sollte den Diskussionsspielraum so weit eingrenzen, dass er nicht bei Adam und Eva beginnt und damit die Zielgenauigkeit verliert, sondern an einem genau definierten Punkt startet, um sich erst danach in alle möglichen Richtungen zu entwickeln. Zum Beispiel wollten wir nicht die Diskussion, ob ein Holzhaus wohnlicher sei, als ein Haus aus der Steinzeit, sondern ohne diesen Vergleich die Vor- und auch die Nachteile von Holzhäusern ergründen. Die „Aufgabe“ an die Diskutanten war der fiktive Wunsch einen Prospekt für Holzhäuser gestalten zu müssen. Die Befragung der Fachleute im Vorfeld war dazu ein wichtiger Impulsgeber, auch deren Auswahl und vorherige Einarbeitung muss vorbereitet sein, auch wenn kein eingeübtes Frage-Antwortspiel herauskommen soll.

Die Fragestellung

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Das Schwierigste war die Formulierung der vier Fragen, weil sie so einen großen Einfluss auf die Diskussionsbereitschaft hat. Die Mischung aus Ernsthaftigkeit, augenzwinkernden Humor und Abwechslung versuchten wir nicht zuletzt durch Tischaufsteller zu verwirklichen, die der Moderator knallhart wie Schulaufgaben zum Diskussionsbeginn austeilte, die gleichwohl willkommen als Einstiegshilfe aufgenommen wurden. Hier werden Firmenbosse und Politiker zu Schülern, vielleicht ist das genialste an dieser Veranstaltungsmethode tatsächlich die Gleichbehandlung aller Gäste, vom Landrat bis zum Möbelmacher.Nach dem durchwegs positivem Verlauf unserer Veranstaltung, hätten wir uns mehr Provokation in der Fragestellung erlauben können, wir hatten uns aber beim ersten weltrestaurant nicht getraut.

Die Protokollanten

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Unsere gemeinsam entwickelten Vorgaben für die wichtigen Protokollanten waren, nur konkrete, interessante Ergebnisse festzuhalten, im Zweifelsfall die Diskussion durch Insiderinfos voranzubringen, nur bei Themaverfehlungen einzuschreiten und sich ansonsten eher zurückzuhalten. Anscheinend hat aber manche Teilnehmer gestört, dass nicht jede geniale, aber vielleicht winzige Werbeidee auch festgehalten wurde. Vielleicht ist es für die Diskussionsgruppe besser, wenn der Protokollant auch kleine Details festhält, denn es vermittelt das Gefühl, das keine gute Idee verloren geht. Nachdem nach Außen das Ziel der Veranstaltung als Erkenntnisgewinn durch die Diskussion der Teilnehmer formuliert wurde, muss auch auf das Speichern der Beiträge ausreichend Wert gelegt werden.

Eine andere Erfahrung waren Berichte, dass Eingeladene von der Ankündigung der Protokollanten abgeschreckt wurden. Sie befürchteten, dass jedes falsche Wort festgehalten und pressetechnisch gegen sie verwendet werden könnte. In der Einladung sollte diese Assoziation von vorneherein verhindert werden. Auch für die Protokollanten gilt, dass Konzentration und Einfühlungsvermögen kreative Lösungen für jede Diskussion zulassen muss, dass die Hauptaufgabe aber trotzdem das Protokoll bleibt.

Das Menü

Unsere Weiterentwicklung des Weltcafe´s zum Weltrestaurant hat nicht nur mit dem Möbelmacher´schen Küchen-Missionseifer zu tun, sondern ist eine Erweiterung der Ursprungsidee von Seminarteilnehmern auf Kunden, Freunde und ganz normale Menschen, die primär einer Einladung zu einem interessanten Abend folgen und kein Interesse an einem Workshop haben. Wir wollten keine potentiellen Diskutanten (und Disku-Onkel) durch Eintrittspreise abschrecken und so entschieden wir uns für die freiwillige Kostenbeteiligung und die Reduktion derselben durch das Selbermachen mit guten Freunden. Um den Vergleich mit der Gastronomie zu entgehen, passten wir die Gerichte thematisch an die jeweiligen Fragestellungen an. Originalität statt Sterneküche, einfache Gerichte, liebevoll aufgepeppt.

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Zum Thema „Energie aus Holz“ gab es aus getoastetem Schwarzbrot geschnittene Holzbalken, die eine geräucherte Lachsforelle begleiteten. Das Lagerfeuer markierte der rot einfärbte Sahnemeerettich, echter geriebener Meerettich symbolisierte die Hackschnitzel, der Feldsalat spielte die Wiese des Lagerfeuers und das Teelicht das Energiesymbol Feuer.

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Das „Abenteuer Hausbau“ setzten wir mit einer scharfen Kürbiscremesuppe um, in deren Petersilienwiese ein Haus aus Kartoffelquader mit Rotem Beete Dach die Gäste erheiterte.

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Hauptgericht zum Thema „Möbel aus heimischen Holz“ war ein Soßenteppich, auf dem ein Böhmisches Knödel-Sofa einem Couchtisch mit Sauerbratenscheibe gegenüber stand, eingerahmt von zwei Karottenhockern und einer Zimmerpflanze aus Rosmarin.

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Der Nachtisch kopierte das Metropolregion Nürnberglogo durch eine Ellipse aus hellem Quittenparfait, auf dem ein „Metropol-N“ aus rotem Baiser Nürnberg symbolisierte.

Wir hoffen, durch den sichtbaren Aufwand trotz überschaubarer Kosten bei den Gästen Sympathiepunkte gesammelt zu haben, die Ernsthaftigkeit des Abends betont zu haben und damit die Bereitschaft zum nicht ganz unaufwändigen Mitmachen gestärkt zu haben. Wir glauben, dass so eine Veranstaltung ohne den kulinarischen Teil noch viel schwieriger umzusetzen ist. Auch das große Glück, Köchinnen und Service aus dem eigenen Kunden-, Mitarbeiter- und Freundeskreis rekrutieren zu können, hatte einen erheblichen Einfluss auf die Motivation des Teams und deren Ausstrahlung auf die Atmosphäre des Abends.

Die Tischordnung

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Aus Weltcafe´-Erfahrungen  wussten wir, dass der ungesteuerte Tischwechsel ein Problem ist, weil er immer in dem Moment ansteht, wo man das Gefühl hatte, man mag mit den Leuten jetzt zusammenbleiben. Um Partner und Freundeskreise zu trennen und um Peinlichkeiten beim Wechseln zu verhindern, haben wir auf jedem Namensschild die Tischnummern für die vier Gänge aufgedruckt, was sich als gelungene Lösung erwies. Statt der befürchteten 10 Minuten, dauerte ein Tischwechsel gerade einmal drei und verlief in völliger Harmonie, weil man sich um nichts kümmern musste und durfte. Die Technik dazu funktionierte über eine Excell-Tabelle, die verhinderte, dass sich die gleichen Menschen wieder begegnen, der Ausdruck auf die Namensschilder war eine Serienbrieffunktion in Word. Der Aufwand, dieses Tool zu entwickeln und anzupassen war immens, aber nach unserer Überzeugung lohnte sich im Sinne einer stressfreien Veranstaltung jede Minute. Einige Leute sollte man als Springer einteilen, die auch mal entgegen ihrer Nummer durch erkrankte oder nicht erschienene Besucher schwach besetzte Tische auffüllen. Das größte Problem des Weltrestaurants ist die Tatsache, dass man heute zu wenige Menschen zu einer verbindlichen Anmeldung motivieren kann.

Der Abschluss

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Es war das Verdienst des Moderators, dass wir alle Protokollanten zu einer demonstrativen Besprechung zusammenriefen, in der kurze Ergebnisse gesammelt wurden. Auch die gemeinsame Präsentation vor dem Plenum im Interviewcharakter erhöhte die gefühlte Wichtigkeit und Ernsthaftigkeit dieser Veranstaltung. Zusätzlich muss jetzt noch eine aufwändigere Präsentation der Ergebnisse im nächsten Newsletter und auf der Homepage erfolgen, quasi als Belohnung für den Einsatz der Gäste.

Die Kosten

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Wer Kunden, Freunde, Politiker und Verbandsmenschen einladen will, wird die Kosten von locker 70 Euro pro Nase, die durch Moderator, Räumlichkeit, Menü und Service entstehen, kaum erwirtschaften können. Unsere freiwillige Kostenbeteiligung reichte gerade, um den 4 jungen Damen und Herren vom Service 10 Euro pro Stunde zahlen zu können, denn sie waren bis zu 8 Stunden Nonstop im Einsatz, und die unverzichtbare Tonanlage samt Techniker zu finanzieren. Die Köchinnen, die zum Teil volle zwei Tage arbeiteten, gingen zunächst leer aus (wir werden aber eine ansprechende Veranstaltung als Dank für dieses außergewöhnliche Engagement anbieten). Da diese Art von Veranstaltung auch in naher Zukunft eher als Experiment zu betrachten ist, wird man nur schwer Menschen finden, die so etwas außerhalb des klassischen Seminarbetriebs mitmachen werden. Andererseits könnte man zum Beispiel in Vereinen ein einfaches gemeinsames Essen durch diese Methode bei ähnlichen Kosten deutlich aufwerten, weil mal die zusammen an einem Tisch diskutieren müssten, die das sonst nie tun.

Die schönsten Zitate

Gastgeber zu einer Besucherin beim Empfang: „Ach was jetzt auf einmal ist es schlimm nicht neben ihrem Mann sitzen zu dürfen und am Telefon haben sie noch geschwärmt, dass sie endlich mal einen ganzen Abend von ihm Ruhe haben.“

Ganz zum Schluss beim Absacker: „Endlich mal eine Veranstaltung bei der man bei jedem Gang mit neuen Gästen zusammentrifft. Da kann man die gleiche Geschichte gleich drei mal erzählen.“

Ein Pärchen, das von der festen Tischordnung überrascht wurde: "Wie, wir dürfen nicht am gleichen Tisch sitzen? Ist das heute wohl mit Partnertausch?"

Helmut Roy gebar während des Interviews den genialen Spruch: "Holz an sich jodelt nicht."

Fazit:

Planungsaufwand und Erfolg eines Weltrestaurants stehen vermutlich in sehr engem Zusammenhang. Der altbekannte Vorstand als Moderator, eine ungesteuerte Sitzordnung im Vereinslokal, ein Diskutieren ohne Protokollanten und lätscherte Pizzastückchen als Menü werden wohl kaum Begeisterung hervorrufen. Mit ein paar engagierten Mitstreitern und sorgfältiger Vorbereitung kann man aber sehr wohl komplizierte Inhalte vermitteln und dabei auch noch ein unvergessliches Gemeinschaftserlebnis schaffen.

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Weltrestaurant geglückt

Hintergrund Weltrestaurant in Unterkrumbach

Einladung Weltrestaurant

Der kurze Holz-Weg auf der Homepage der Möbelmacher

Alle Fotos des Weltrestaurants bei Picasa.

Alle Fotos des Weltrestaurants bei Sevenload.

6 Kommentare

  1. Micha

    Sehr ausführliche und interessante Schilderung des Weltrestaurants. Das hilft mit ein wenig darüber hinweg, dass mir der Weg zu weit war.
    Zwei Dinge würde mich noch interessieren. Wie lange hat das Weltrestaurant insgesamt gedauert und wie hat sich das Menu auf die Laune ausgewirkt? Ich könnte mir vorstellen, dass dem einen oder anderen spätestens nach dem Dessert eher nach einem Schläfchen war 😉

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  2. Gerda Münzenberg

    Das war wirklich ein guter Rückblick auf den Abend mit allen Höhen und Tiefen (für Euch!) Dass als freiwillige Kostenbeteiligung so wenig gespendet wurde, ist schon schade bei all dem Aufwand, den Ihr getrieben habt. Es war ja alles perfekt organisiert, Roland Zimmermann war ein hervorragender Moderator und auch die Köchinnen und die Serviererinnen haben den ganzen Abend lang ihr Bestes gegeben. Dass man in den kleinen Tischgruppen (zum Beispiel von Stephan Sohr) einmal in allen Einzelheiten erklärt bekam, wie die Metropolregion zustande kam und wozu sie eigentlich geschaffen wurde, war schon sehr interessant und nützlich. Auch der Slogan vom “kurzen Holzweg” kommt bestimmt gut an. Dazu ist mir eingefallen, dass ja schon Martin Heidegger sich über Holzwege Gedanken gemacht hat. Er hat den Ausdruck nämlich auch nicht nur negativ besetzt (wie es im Volksmund häufig geschieht!), sondern geschrieben, dass manche Holzwege sich zwar im Dickicht der Wälder verlören, andere aber zu ganz neuen Einsichten, ja sogar zur Erleuchtung führten. Na bitte, wenn das nichts ist! Also kommt es wohl nur darauf an, den “richtigen” Holzweg zu finden – und das ist sicherlich der “kurze”!

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  3. herwig Danzer

    @Micha: Vom Aperitif bis zum Schluss von 18:30 bis 23:00. Gegen 24 Uhr waren nur noch Aufräumer da. Ich empfand es als durchgehend spannend, vielleicht hat ja der Tischwechsel die Schläfer wieder geweckt. Die Gänge sollten nicht nur satt machen, sondern auch nach dem anstrengenden Diskussionsteil dem Smalltalk und der Entspannung dienen. Scheint insgesamt funktioniert zu haben.
    @Gerda: Na ja, wesentlich mehr Kostenbeiteiligung war realis-Tisch nicht zu erwarten, die Gäste hatten ja auch den berechtigten Eindruck für den Initiativkreis etwas getan zu haben. Die Geschichte mit dem Holz-Weg ist klasse, Danke.

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  4. Nachhaltig

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