Im vorletzten Newsletter 231 zum Wanne-Monat-Mai konnte mein Buchhändler Martin Lösch das Asterixrätsel nicht lösen, weil ich auf der Suche nach einer Badewanne ein schlechtes Heft wählte, sogar das zweitschlechteste Asterixheft der Geschichte überhaupt: Latraviata.
Aber er schickte in der darob frustrierten Mail noch die Nachricht mit, dass unser Philosoph Christian Schüle (war schon dreimal in Unterkrumbach, eingeladen von DIE ZEIT, von uns und der Buchhandlung Lösch) gerade wieder ein neues Buch namens „Die Jagd nach der Muskatnuss“ herausgebracht hat. Der Titel erinnerte Indiana-Jones („Jäger des verlorenen Schatzes“) und den Film „Jäger des Augenblicks“ unseres leider schon verstorbenen Freundes Kurt Albert und seiner beiden Kletterfreunde Stefan Glowacz und Holger Heuber. Und natürlich kam mir auch „Die Ritter der Kokosnuss“ (1975) von Monty Python in den Sinn, aber alle Parallelen sind weit gefehlt, denn Christian hat wieder ein unglaublich aufwendig recherchiertes und sorgfältig ausgearbeitetes Buch im renommierten Siedler Verlag herausgebracht, dessen 400 Seiten mich fesselten und faszinierten.
Auf Christians Linkedin-Account stand am Erscheinungstag geschrieben:
„Macht, Mission, Monopol: Heute erscheint mein neuestes Buch „Die Jagd nach der Muskatnuss“, Siedler-Verlag, 400 Seiten. Der Stoff ist faszinierend: die verblüffende Geschichte der niederländischen Vereinigten Ostindischen Compagnie, des einst größten Unternehmens der Weltgeschichte im 17. Jahrhundert. Das Buch lädt zu einer großen Reise von Deutschland über die Welthauptstadt Amsterdam nach Ostindien, dem heutigen Indonesien, ein.
Es betrachtet und schildert die Gründungsmythen Europas, den Beginn der Neuzeit und die Anfänge des Individualismus. Es erzählt von der Entstehung des modernen Kapitalismus, der Erfindung der Aktie, vom Monopol auf das Gewürz Muskatnuss und den Exzessen des Kolonialismus in Asien. Es schreibt die erstaunlich aktuelle Geschichte des globalen Handels, die heute hilft, unsere Herkunft und Gegenwart zu verstehen.
Es lädt ein, über Gier, Glaube, Gewalt, das Völkerrecht und die problematische Idee von Goldenen Zeitaltern nachzudenken. Hinter allem steht, als geistiger Pate, der große Golo Mann: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, wird die Zukunft nicht in den Griff bekommen.“
Als Kommentar schrieb ich ein paar Tage später dazu:
„Lieber Christian, habe es gerade ausgelesen und muss Ute ein neues kaufen, weil ich es schon wieder voller Begeisterung vollgekritzelt habe. Vielleicht kriegen wir ja wieder eine Lesung hin? Wünsche ganz viel Erfolg damit und hoffentlich bis bald, Herwig.“
Worauf er antwortete:
„Lieber Herwig, das freut mich sehr, besten Dank für Deine schöne Nachricht! Ja, sehr gerne komme ich wieder zu Euch ins schöne Unterkrumbach zu einer Lesung – melde Dich gern jederzeit, dann pack ich das Buch ein, und es gibt ein Wiedersehen… Herzliche Grüße an Dich und Ute aus Hamburg, dann ja vielleicht bis ganz bald, Christian.“
Warum wir auch die Muskatnuss von Christian Schüle allen historisch und an Menschenrechten interessierten Menschen ans Herz legen
Christian erzählt die 200-jährige Firmengeschichte aus der Sicht von vier Zeitzeugen, deren Berichte er im Rahmen seiner großartigen Recherche entdeckt hat. Diese machen das Buch zusammen mit seiner schönen Sprache so gut und spannend lesbar. Die ergänzenden Exkurse über Amok und Gier, Meditationen über Geschichte, Betrachtungen über den modernen Kapitalismus und am Schluss das Kapitel „Die Reise in die Gegenwart“ betten die Geschichte von 1602 bis heute auch philosophisch ein. Wobei es um die Interpretation von Kolonialismus, Rassismus und den Umgang mit der leider schauderhaften Geschichte geht und die Frage, ob man Denkmäler von den falschen Menschen stehen lassen oder sie abreißen sollte?
Lokalkolorit für uns Franken bringen die Erfahrungen des Nürnbergers Johannes Wurfbain, den Schüle dort am Johannisfriedhof besuchte; er ist einer der wenigen Protagonisten und Statisten, die zu Hause in Frieden sterben durften.
Mich fasziniert die raffinierte Darstellung von Fiktion und Wahrheit durch Sätze wie „Stellen wir uns vor …“ und der kleine Trick, die Einschübe in serifenloser Schrift als Verknüpfung in die Gegenwart darzustellen. Seit wir 1990 das erste Mal unsere Freunde in den Niederlanden besuchten und dem Land bis heute durch viele Besuche und Gespräche verbunden sind, interessiert uns auch deren Geschichte, und die wird zumindest in diesem Zeitabschnitt, nicht zuletzt rund um Rembrandt, ebenso tiefgehend wie anschaulich dargestellt. Bin gespannt, was unsere immer noch dort lebenden Freunde dazu sagen werden.
Es gibt noch eine sehr lobende Rezension „Fesselnde Zeitreise“ von TravelCat bei Amazon (die wir natürlich nicht verlinken, kaufen Sie ihr Buch bitte nur in der Buchhandlung Ihres Vertrauens), aber auch einen anonymen und vermutlich dem kapitalistisch unkritischen, eher rechten Spektrum zuzuordnenden Kritiker, der bei Thalia den Kommentar Nr. 3140725 hinterlassen hat. Dort spricht er Christian ab, Historiker zu sein, was der als Schriftsteller, Essayist und Publizist ja gar nicht für sich in Anspruch nimmt. Vielleicht liebe ich das Buch ja gerade, WEIL es von keinem Historiker geschrieben wurde?
Eigener Exkurs über die Aktie nach der Lehre über deren Erfindung im Jahr 1602
Auf Seite 43: „Ein durch das Kapital der Bürger finanziertes Unternehmen
verlagert die Risiken seiner Unternehmung auf ebenjene Bürger zurück und
arbeitet mit deren Geld für den eigenen Gewinn, um später Teile davon,
also Dividenden, an die Investoren auszuzahlen. Eine derart unabhängige
Handelskörperschaft ist ein völlig neues Geschäftsmodell.“
Nun, da ich mich in die Erfindung der Aktie eingeweiht fühle (ihr ist ein eigenes Kapitel und eine Reflexion gewidmet), ist sie mir immer noch irgendwie unangenehm. Dazu muss man wissen, dass ich als Student ein Kleinunternehmen zusammen mit Gunther Münzenberg 1988 die Möbelmacher gründete und ich erst Mitte dieses Jahres alle Schulden getilgt haben werde. Es ist also kein Wunder, dass Geldanlage nie mein Thema war, aber für die Lebensversicherungen wünsche ich mir dann doch eine, die unsere ökologische, kulturelle und demokratische Arbeit seit 38 Jahren unterstützt und nicht in den Rücken fällt. Ich habe nie begriffen, wie Menschen ohne Arbeit Geld verdienen können, und noch weniger, wie sie die Betriebe, deren Aktien sie besitzen, auch noch in ihren Entscheidungen beeinflussen wollen.
Auf Seite 46: „Und sie wollen mehr: mehr Anteile, mehr Einfluss und vor allem mehr Mitsprache
bezüglich Leitung und Ausrichtung des neuen Unternehmens.“
Shareholder-Value war in meinem Leben in der Nachhaltigkeitsszene immer ein Schimpfwort für die Menschen, die nur an Dividende, aber niemals an die Menschen denken, die sie erwirtschaften. Christians Kapitalismusschulung hat uns dazu ermutigt: Wenn schon Aktien, dann nur von Firmen, deren Arbeit wir unterstützen möchten. Wie man das macht, wissen wir leider auch (noch) nicht, aber vielleicht finden wir ja jemanden vom Fach, der unsere Motivation nachvollziehen kann und uns trotzdem hilft.
Reflexion, Seite 48: „An der Aktie lässt sich zeigen, dass der rationale Kapitalismus ein
im Grunde religiöses System ist: Ohne Glauben an die Zukunft, an die Heraufkunft
des kommenden Heils und einer stabilen, wenn nicht goldenen Zeit, funktioniert er nicht.“
Nachtrag: Die Zusammenarbeit und Beziehung zwischen den Möbelmachern und dem Autor und Journalisten Christian Schüle erstreckt sich über viele Jahre und ist geprägt von Wertschätzung und gemeinsamen Themen wie Zeit, Heimat und Lebensqualität
- Zeit-Dossier (2006): Christian Schüle besuchte Unterkrumbach und die Cittaslow Hersbruck für seine Recherche zu einem Dossier in der Wochenzeitung Die ZEIT mit dem Titel „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ (erschienen im Dezember 2006). Darin stellte er unter anderem fest, dass Kunden der Möbelmacher oft mehr Wert auf ihre Einrichtung als auf teure Autos legen („Wohnraum wichtiger als Hubraum“). Hier nachlesbar.
- Erste Lesung (2007): Im Rahmen der Unterkrumbacher Werkstatt-Tage hielt er eine Lesung zum Thema „Deutschlandvermessung“. Schüle beschrieb die Lesung als eine „rundum schöne Erfahrung“ und lobte das gebildete und interessierte Publikum. Die Lesung war in Hersbruck Anlass für eine Diskussion über Lebensgeschwindigkeit und Qualität, die von Roland Zimmermann vom Bayerischen Rundfunk moderiert wurde und auch die Prinzipien der Cittaslow-Bewegung thematisierte.
- Lesung zum Thema „Heimat“ (2017): Im November 2017 kehrte er für eine weitere Lesung aus seinem neuen Buch „Heimat“ nach Unterkrumbach zurück. Diese Veranstaltung fand im Rahmen des Tags des Schreiners statt und wurde kulinarisch durch regionale Spezialitäten (Moritz Kellner, Bärenbrot) begleitet.
- Sein Buch aus dem Jahr 2013 „Das Ende unserer Tage“ haben wir im Nachhaltigkeitsblog besprochen.
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Hier ist sein Dossier in DIE ZEIT vom Dezember 2006 über die Suche nach der verlorenen Zeit und die Cittaslow Hersbruck noch nachlesbar.
Tag des Schreiners 2017: Lesung aus dem Buch „Heimat“ mit dem Philosophen Christian Schüle




















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