von | Sep. 20, 2026

Paris-Unterkrumbach: Buch des Designers Jasper Morrison (JG 1959) berührt uns

Allgemein, Bücher, Paris

 

   

Als wir abends in Paris ankamen (hier bald die Vorgeschichte), schenkte mir unsere Tochter Laura ein Buch, das ihr überreicht wurde, weil ihre Modefirma LOEWE (Madrid) mit dem Aparamento Verlag (Barcelona) sehr eng zusammenarbeitet.

Kleiner Exkurs:

Seit Jonathan Anderson 2013 als Kreativdirektor bei LOEWE einstieg, hat er das Traditionshaus (gegründet von zwei spanischen Sattlern 1846 in Madrid und seit 1872 geführt von dem deutschen Handwerker Heinrich Loewe aus Kassel) von einer Modemarke (gehört zum LWMH-Konzern: Louis Vuitton, Moët, Hennesy) zu einem Unterstützer von Materialkultur und Handwerk geformt, vor allem durch den bekannten LOEWE Foundation Craft Prize (Handwerkspreis).
Apartamento und LOEWE entwickelten gemeinsam Formate wie „To Craft a Life“ oder Künstler-Porträts in der Apartamento-Magazinreihe. Journalisten und Fotografen besuchen im Auftrag beider Marken internationale Holzhandwerker, Töpfer, Bildhauer und Textilkünstler in ihren Ateliers und sie verlegen gute Bücher.

Kein Wunder, dass mich der handwerkliche Bezug im Buch schon in der Einleitung des US-amerikanischen Designers Sina Sohrab sofort fesselte. Er hatte dafür sehr lange bei Morrison recherchiert, ganz viele Gespräche mit ihm geführt und auch seine Mitarbeiter einbezogen.

The Unimportance of Form: Warum uns Designer Jasper Morrison aus der Seele spricht

„The Unimportance of Form and Other Arguments” versammelt die frühen Schriften des britischen Designers Jasper Morrison von 1984 bis 2002. Er ist nur drei Jahre älter als ich, also Jahrgang 1959 und natürlich habe ich ihn schon vor der Möbelmachergündung und unserer stilistischen Orientierung an Minimalismus und Bauhaus geschätzt, aber dieses Buch hat noch ganz andere Gemeinsamkeiten offenbart: Zum Beispiel den Bezug auf Adolf Loos’ berühmte Schrift „Ornament und Verbrechen“ von 1908, denn das ist das Manifest der Moderne gegen das Dekorative und Schnörkelhafte.

Morrisons radikal ehrliche, unaufgeregte und ebenso kritische Hwie humorvolle Haltung gegenüber dem Design-Zirkus und der (fehlenden) Moral dahinter beschreibt genau das, was wir seit nunmehr 38 Jahren im Herzen von Franken und nördlich von Bayern auch fühlen und versuchen zu verwirklichen.

„The Poet Will Not Polish“ (1984) und sein Tagesablauf 

Sein erster Text im Buch wurde 1984 in einem Katalog für die Gruppenausstellung „Kaufhaus des Ostens“ in Berlin veröffentlicht (Parodie auf das KaDeWe, Kaufhaus des Westens) , wo er lange lebte, und er beschreibt das ideale Berliner Leben eines engagierten britischen und jungen Designers, der sich zwischen langem Frühstück, viel Flirten, üppigen Lunch, Billard und Rotwein mühsam seinen Weg auf den Olymp des Designs bahnen muss. “

A bottle of strong red wine helps to clear his mind of unneccessary thoughts.“ Frei von unnötigen Gedanken kann er sich also der Gestaltung der von ihm geforderten „neuen Eleganz“ widmen.

„Owing to its Nature“ (1985) und die Suche nach Eleganz

Am Mittwochabend bis -nacht in Paris, als alle im Bett waren, kam ich zum Text von 1985 „Owing to its Nature“. Hier erkannte ich auch unsere Geschichte des frustrierten Küchen- und Möbelgestalters, der sich wundert, warum Architekten so fragwürdige Räume entwerfen. (Der besseren Lesbarkeit wegen habe ich alles mithilfe der KI übersetzt, aber immerhin versucht, Blödsinn rauszukorrigieren – was oft länger dauert, als selbst fehlerhaft zu überstzen, hachja)

„Was für ein Ego muss man haben, um Architekt zu sein? Ein Haus zu bauen und dann zu irgendeinem armen Teufel zu sagen: ,Jetzt leb darin‘? Wo fangen sie an, über den Entwurf eines Hauses nachzudenken? Fangen sie nach einem guten Mittagessen und einer Flasche Wein mit der Küche an, oder warten sie, bis ein vermeintliches ,Konzept‘ vor ihren Augen erscheint und erarbeiten das Innere irgendwann später?

Es ist mir oft aufgefallen, dass Letzteres wahrscheinlicher ist (das Innere später!). So viele Häuser haben Räume, die den Menschen seines grundlegendsten Bedürfnisses berauben: der Eleganz.“

Als Küchenfetischisten schließen wir uns diesem Text sofort an, denn man glaubt nicht, welch unfunktionalen Kochlöcher auch 41 Jahre nach der Entstehung dieses Textes immer noch entworfen werden. An deren Entwurf war ganz sicher kein gutes Essen und keine Flasche Wein beteiligt!

„Seit frühesten Zeiten sind Häuser von innen nach außen gewachsen. Zelte, Iglus, Hütten und primitive Häuser wurden gebaut, um Innenräume zu schaffen. Die heutige Architektur macht zu viel Aufhebens um das Äußere, und Städte verlieren dadurch ihren gewachsenen Charme.“

Wie oft habe ich in den letzten 38 Jahren gesagt: „Sorry, ich bin für Ihr Wohnen und Kochen nur innen zuständig, denn dort müssen Sie leben. Ihre Fassade ist nicht mein Thema, aber mit gutem Willen beiderseits konnten wir bis heute oft auch die perfekte Küche UND die Fassade verknubbeln.

What about Mephis-Design?

Mit Jasper Morrison verbindet uns auch die Ablehnung des lauten, schreienden, sinnlosen Designs, was uns in der Kritik am Memphis-Design schon Ende der 80er vereinte. Er schreibt dazu:

„Jüngste Strömungen im Design wie Memphis und Alchimia sind kaum besser als die Postmodernisten. Die Absicht ist zwar da, bestehende Codes von Entwürfen aufzuwirbeln, und das ist sehr positiv, aber womit haben sie diese ersetzt? Sie scheinen zu sagen: ,Mach alles, was du willst, sei wild, sei frei, verzichte auf den zeitraubenden logischen Ansatz beim Design‘, aber wenn es nicht gerade Memphis ist, wird es ein wertloser Gimmick sein.

Es (…) fällt schwer zu sagen, dass Memphis das Designbewusstsein von irgendjemandem geschärft hat. Die schiere Ausgabe eines einzelnen Stücks aus jedem dieser illustren Studios scheint zu verkünden: ,Wir sind hier, um Geschichte zu schreiben, nicht um Häuser einzurichten‘, und führt unweigerlich in den Traum der Ausstellung in Museen.“

„Business Proposel“ (1985)  beschreibt den Weg zur Gestaltungs- und Fertigungstiefe

Der Autor des Buches, Sina Sohrab, schreibt über Morrisons Text „Business Proposal“: „Dieser Geschäftsvorschlag wurde höchstwahrscheinlich nur wenige Monate nach seinem Universitätsabschluss für Jaspers Bankberater verfasst, in der Hoffnung, zu Beginn seiner „Taxifahrer-Jahre“ einen Kredit zu erhalten – einer Zeit, in der er kreuz und quer durch London fuhr, um kleine Aufträge für seine Entwürfe zu produzieren und auszuführen.“

„Ich glaube, es wird immer deutlicher, dass der einzige Weg, als Möbeldesigner in diesem Land zu überleben, darin besteht, so viele Phasen der Produktion und des Vertriebs wie möglich selbst zu kontrollieren. Das macht sowohl unter dem Gesichtspunkt des Geldverdienens Sinn als auch unter dem der Kontrolle von Qualität und Preis des Endprodukts sowie der Art und Weise, wie es dem Verbraucher präsentiert wird.“

Sein Grundgedanke der Fertigungstiefe führte auch bei den 1988 gegründeten Möbelmachern zu dem Wunsch, vom Wald bis zum Kunden alle Prozesse inklusive der Kommunikation selbst zu organisieren. Zwar konnten wir das erst ab unserem Neubau in Unterkrumbach 1997 komplett verwirklichen, aber in der Philosophie der „Regionalen Waldschöpfungskette“ steuern wir wirklich alle Prozesse vom Wald bis zum Kunden selbst.

„Two Ways to Use a Material“ (1985) oder warum wir Massivholz nicht anstreichen

Unser ehrlicher Umgang mit dem Holz aus Franken

Jasper hatte die Angewohnheit,sehr kurze Notizen zu verschiedenen Aspekten des Designs zu schreiben. Das schrieb er zur Verwendung von Material:

„Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Material zu verwenden: ehrlich und unehrlich. Um es ehrlich zu verwenden, muss man seine Eigenschaften untersuchen und herausfinden, wie es sich im Vergleich zu anderen Materialien verhält (…). Man sollte seine Schwächen akzeptieren und sie nach Möglichkeit hervorheben.
Um ein Material unehrlich zu verwenden, muss man seine Eigenschaften verbergen. Wenn man zum Beispiel ein Material verwendet, das wie ein anderes aussieht, obwohl es dessen Eigenschaften nicht besitzt, handelt man unehrlich. Bei Sperrholz mit einer aufgeklebten Holzfurnier-Schicht wäre es etwa unehrlich, so zu tun, als handele es sich um massives Holz.“

Einschub
Ingo Klöcker (er studierte unter anderem Industrial Design an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Ulm bei Tomás Maldonado, Hans Gugelot, Max Bense, Josef Albers und Otl Aicher) hat dereinst bei der Verleihung der Guten Form 2015 diesen Beitrag zur Ehrlichkeit der Materialien geliefert, in dem er nicht müde wurde, zu betonen, dass das Furnieren einer Spanplatte keine gute Idee ist. Nur Massivholz ist auch aus unserer Sicht wirklich ehrlich und in Jaspers Formulierung finden wir zwar die Offenheit zur Verwendung neuer Materialien, aber ebenso die Forderung, das wenigstens ehrlich zu machen.

Seit unserer Firmengrüdung 1988 haben wir nur Massivholz verarbeitet und es farblos mit Naturharzöl von Livos veredelt, also in seiner originären Farbe belassen. Im Rückblick kann ich mich nur an einstellige Ausrutscher mit Farbe erinnern, wovon der unseres damaligen Betriebsleiters anhand aktueller Fotos der Abnutzung die Absurdität des Anstreichens von Massivholz belegt (2019-2023). Morrisons Forderung nach Ehrlichkeit aus dem Jahr 1985 erfüllten wir von Anfang an. Das ist auch der Grund, warum wir in den letzten Jahren immer mehr Küchen wieder auffrischen, umziehen und umbauen, denn das ist nur mit farblos geöltem Hartholz möglich.

Das gemeinsame Erbe: Otl Aicher und Dieter Rams

Morrisons Haltung hat tiefe Wurzeln im deutschen Funktionalismus, den er in Berlin auch aktiv suchte. Er bezieht sich direkt auf die reduzierte Ästhetik von Dieter Rams („Less but better“ / „Die leise Ordnung der Dinge“) und die kompromisslose Sachlichkeit von Otl Aicher .

Diese beiden Vordenker sind auch unsere geistigen Urväter. Otl Aichers Buch „Die Küche zum Kochen“ von 1982 hat unsere gesamte Küchenphilosophie geprägt und uns davor bewahrt, den unpersönlichen, industriellen Einheitsbrei der Küchenindustrie ungefragt zu übernehmen oder das dekorative der Landhausküche (da gibt es allerdings ein paar Ausnahmen).  Aicher verstand die Küche als Werkstatt und soziales Zentrum – ein Ort, an dem das Kochen als sinnliches Erlebnis gefeiert wird. Und genau diese ehrliche Freude am Kochen und die Reduktion auf das Wesentliche verbinden uns über alle Designtheorien hinweg mit Jasper Morrisons Werk.

„Room Atmosphere“ (1993)  und unsere Kompletteinrichtung

Die Atmosphäre im Raum entsteht durch einfühlsames Einrichten und geöltes Massivholz aus Franken

Um seine Vorstellung von „Atmosphäre“ klar zu definieren, schrieb Jasper diese Notiz als Begleitung zu einer Neuanordnung von Some New Items for the Home für das Wiener Museum für Angewandte KunstBei seinen frühen Ausstellungen in Berlin und Mailand zeigte Morrison einfache Sperrholz-Installationen und plädierte dafür, dass die primäre Aufgabe von Möbeln darin besteht, eine gute Atmosphäre im Raum zu schaffen. Einzelne Objekte sollen nicht als isolierte Fremdkörper wirken, sondern den Raum erst wohnlich machen.

„Jeder Raum hat seine eigene Atmosphäre, egal ob er voller Objekte ist oder leer. Ein Teil dieser Atmosphäre lässt sich auf seine Architektur zurückführen: die Position und Größe der Fenster; das Verhältnis des Raumes, der von den Wänden umschlossen wird; die Position der Tür im Verhältnis zu den Fenstern und den Wänden; die Höhe des Raumes. Jede verbleibende Atmosphäre muss in der Verantwortung der Objekte im Raum liegen.“
„… aber wenn sich der Designer einzelner Objekte nicht mit der Realität der alltäglichen Situationen auseinandersetzt, für die er entwirft, besteht das sehr reale Risiko, dass er Objekte entwirft, deren einziger wahrer Zweck darin besteht, in Museen bewundert zu werden!

So leiten wir auf unserer Homepage die vielen Beispiele zur Kompletteinrichtung ein

Genau das ist das Fundament unserer Kompletteinrichtungen. Wir planen Räume ganzheitlich, vom Fußboden über die Vorhanggestaltung bis zur Beleuchtung. Denn was nützt der schönste Tisch, wenn die Leuchte darüber blendet oder das Sofa im Raum deplatziert wirkt? Erst das harmonische Zusammenspiel aller ehrlichen Materialien – Massivholz, Glas, Edelstahl und pflanzlich gegerbtes Leder – schafft das wohngesunde Raumklima und die Behaglichkeit, die unsere Kompletteinrichtungen ausmachen. Also ganz sicher nicht fürs Museum entworfen, sondern für unsere Kunden und deren Atmosphäre im Raum.

„Es könnte sein, dass das Design im Rennen um Umsätze und das Überleben schlechter wirtschaftlicher Bedingungen versucht ist, die Mentalität einer zynischeren Produktions- und Marketinghaltung zu fördern. In diesem Fall fliegt die Moral aus dem Fenster, und alles, was zählt, ist das VerkaufsvolumenDesign muss weiterhin seine moralischen Pflichten wahrnehmen. Ein Produkt, das der Prüfung der Zeit in Bezug auf Leistung oder Mode nicht standhält, ist ein zynischer Missbrauch von Ressourcen und eine grausame Täuschung des Verbrauchers.“

Hier kann vor allem unsere Einzelanfertigung die Moral erhalten und die Verbrauchtäuschung verhindern. Wir schildern alle Vor- und Nachteile unserer vorgeschlagenen Einrichtungslösungen und die Kunden wählen aus. Transparenter und individueller kann Design nicht sein.

 „Doubts about Design“ (2001) und Regionalität

„Meine Befürchtung ist, dass wir den Sinn und die Bedeutung lokaler Aktivität verlieren, die des Schreiners/Tischlers, der etwas für seinen Nachbarn anfertigt. Vielleicht ist es eine romantische und nostalgische Vorstellung, sich einzubilden, dass das lokale Leben den Globalismus überleben kann, aber dann müssen wir etwas finden, das es ersetzt.

… ein Beispiel nehmen: weniger Dinge machen, diese dafür aber besser und mit Liebe zum Detail bei Alltagsgegenständen. Das stellt sicher, dass der menschliche Faktor (die Fürsorge des Schreiners für seinen Nachbarn) auf einen industriellen Maßstab übertragen wirdWir Designer tragen die Verantwortung dafür zu sorgen, dass mit dem Aufkommen des Globalismus etwas Lokales und Menschliches in der Welt der Dinge erhalten bleibt.

Seinen Zweifeln am Design antwortete Morrison mit seiner Super-Normal-Strategie. Sie meint Gegenstände des täglichen Gebrauchs, also auch Möbel, die so selbstverständlich, gut und unaufdringlich gestaltet sind, dass sie wirken, als hätten sie schon immer existiert. Sie drängen sich nicht auf, sie sind einfach da und funktionieren perfekt.

Unser Fazit zur „Unwichtigkeit der Form“

Wer ein Buch sucht, das den Kopf frei macht vom ständigen Werbelärm der heutigen „Wegwerf-Ökonomie der Möbelprospekte“ und Lust auf echte, langlebige Werte macht, dem empfehlen wir „The Unimportance of Form“  (leider nur auf Englisch verfügbar). Denn der Herausgeber Sina Sohrab beweist mit den Texten von Jasper Morrison, dass Qualität, Ehrlichkeit und anständiges Handwerk kein lautes Gedöns brauchen. Gutes Handwerk spricht für sich selbst.

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https://jaspermorrison.com/publications/essays/the-unimportance-of-form

Link zum Stehpult mit dem LoeweBuch

Hier ist die Übersetzung des Buchklappentextes:

„The Unimportance of Form (Die Unwichtigkeit der Form) bringt die frühen Schriften des britischen Designers Jasper Morrison zusammen, der seine Karriere darauf aufgebaut hat, Objekte zu entwerfen, die sich so anfühlen, als hätte es sie schon immer geben müssen. Er ist zugleich ein scharfsinniger und prägnanter Autor – direkt, skeptisch und humorvoll. Gesammelt und herausgegeben vom Industriedesigner Sina Sohrab, dokumentieren diese frühen Überlegungen das Feilen an einem lebenslangen Plädoyer. Verfasst zwischen 1984 und 2002 und hier zum ersten Mal zusammengetragen, verfolgen sie die frühe Entstehung von Ideen, die sein Schaffen prägen sollten: die Verantwortung von Design, den Wert von Nützlichkeit und die stille Autorität gewöhnlicher Dinge.“

 

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