von | Mai 28, 2023

Die 22. Unterkrumbacher Werkstatt Tage: Grandiose Lesung mit Denis Scheck

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Denis Scheck bei den Möbelmachern im Mai 2023

Auch der dritte Besuch von Denis Scheck war wieder ein ganz besonderes Erlebnis. 2013 war er zu unserem 25-jährigen Jubiläum zugegen, 2016 kam er mit Eva Gritzmann und las aus Solons Vermächtnis in einer in der Werkstatt aufgebauten Küche, in der es auch einen Kochworkshop mit Hubertus Tzschirner gab. Am 13. Mai 2023 las er dann aus Schecks kulinarischem Kompass, was natürlich besonders gut zu unseren Küchen- und Kochaktionen passt. Über die Gemeinsamkeiten, von Alter, Studium, Literatur und Asterix-Liebe haben wir einen eigenen Blogbeitrag hier veröffentlicht und den gelungenen Zeitungsartikel über den Abend von Gerda Münzenberg (der Mutter meines ehemaligen Kompagnons bis 2015) habe ich unten angehängt.  Alle drei Veranstaltungen organisierten wir gemeinsam mit der Buchhandlung Lösch, die ihre Betriebsgründung ebenfalls im Jahr 1988 hatte.

Ute Danzer holte Denis Scheck nebst Riesenkoffer – weil er die ganze Woche unterwegs war – gegen 15 Uhr am Bahnhof ab und brachte ihn ins Hotel, wo er erstmal an der Rezension der Spiegel Bestsellerliste für seine monatliche Sendung Druckfrisch in der ARD schrieb. Die gibt es übrigens seit rund 194 Monaten (Februar 2003), unser ebenfalls monatlich erscheinender Newsletter trägt lustigerweise die Nummer 195 (seit April 2003 und ab der Nummer 62 im Juni 2010 immer mit Vorlesevideo).

Wanderung nach Unterkrumbach

Der berühmte Literaturkritiker und Autor ließ es sich nicht nehmen, nach einer Woche im zügigen Zug und in stickigen Städten den Weg vom Hotel nach Unterkrumbach auf Schusters Rappen zu wandern. Aber wie wir das von Eric Clapton schon kennen, kann man an den Crossroads selbst auf kurzen Wegen auch falsch abbiegen und dabei die befestigten Wege verlassen. Als ganzheitlicher Veranstalter zählt bei uns aber auch die Reinigung der „Rappen“ zum Service, die in dieser ironischen Redewendung eben keine Pferde sind, sondern – dem armen Handwerk der Schuster und Schreiner entsprechend – die eigenen Füße, bei Denis allerdings schicke Schuhe.

Kulinarischer Überbau für die Lesung und Adelung der Schwabhofschen Bratwurst


Zu den Buchthemen Trüffel, Bouillabaisse und Waldmeister suchten wir nach unserem fränkischen Aufhänger für den kulinarischen Überbau der Lesung:
das Weideschwein vom Schwabhof. Denn es vereint verantwortungsvolle Tierhaltung in Bioqualität mit typisch fränkischer Lebensart. Zusätzlich zur von Denis mehrfach geadelten und gelobten Bratwurst, boten wir auch 24 Stunden Sous Vide gegarte Schulter mit grüner Pfeffersauce vom Holzkohlegrill (30 Sekunden je Seite) an, aber:

Ines Wolf, Thomas und Julia Schwab (v.l.n.r.)

Die Schulter
ging im Bratwursttaumel
unter.

Auch die Reste des vegetarischen Angebots an im Druckdampfgarer arabisch gewürzten Linsen und dem ebenfalls arabischen Petersiliensalat Taboulé konnten wir erst eine Woche später vollständig aufessen, denn viele Vegetarier wurden ob des vertrauenswürdigen Angebots des Schwabhofs dann doch zum Flexitarier. Aber das Phänomen kannten wir schon von unseren Konzertveranstaltungen mit dem fränkischen Sommer.

Neben Thomas Schwabs Tochter Julia engagierte sich auch Ines Wolf von der Kultgaststätte Michelmühle bei der rechtzeitigen Zubereitung der Würste für die ersten Gäste, für die Pause und sogar noch am Ende der Lesung. Ganz herzlichen Dank für den vorbildlichen Service für unsere Freunde, Kunden und Zuhörer.

Jedenfalls war die Bratwurst dem hochkulinarischem Thema absolut angemessen und im neuen (sehr empfehlenswerten) Buch „die bratwurst“ aus dem ars vivendi Verlag wird die Bratwurst nicht umsonst zur „Königin der Würste“ (S. 20) gekrönt.

Die Bezahlung unserer Speisen und Getränke war Vertrauenssache

Eine Besonderheit hat sich bei uns schon seit vielen Jahren bewährt: Wir haben Preislisten ausgehängt und Schüsseln für das Geld aufgestellt. Alle konnten sich selbst bedienen und das Geld auch selbst wechseln, mit unseren Gästen war das noch nie ein Problem, im Gegenteil: Die Atmosphäre des Vertrauens hat man nach unserem Gefühl im Umgang miteinander gespürt, auch der Schwabhof hat sich dieser Idee angeschlossen und war begeistert, weil ein Teil des Aufwands von den Gästen selbst erledigt wurde.

Das Foto von Aron mit der Panono

Arons Aufnahme mit der Panono Kugelkamera

Unsere Kugelkamera Panono macht 360 Grad Fotos mithilfe 36 Kameras, die mit Software zusammengenäht werden (gestiched). Heraus kommt ein Bild, das man sich im Internet mit der Maus hin- und herdrehen kann. Probieren Sie es aus (wenn es nicht klappen sollte, wählen Sie einen anderen Browser):

Begrüßung durch Martin und Ute und herwig interviewt Denis (14 min)

Martin Lösch begrüßte unsere gemeinsamen Gäste (hier im Video) und ich hatte das Gefühl, dass die über hundert literaturbegeisterten Menschen uns eh schon alle kennen. Deswegen ließ ich die Vorstellung der Arbeit der Möbelmacher weg und interviewte Denis Scheck zu den Gemeinsamkeiten, die die Möbelmacher mit dem Literaturkritiker verbinden. Das war dank Denis unerwarteten Antworten zum Beispiel beim Möbel-Sargthema „Ich würde Elke Heidenreich einen Sarg schenken“ durchaus unterhaltsam, aber vielleicht hätte man dann doch erwähnen sollen, dass wir keine Eventagentur mit origineller Veranstaltungshalle sind, sondern Einrichter, die Massivholzküchen und -möbel just an dieser Stelle herstellen?

Interessant war für mich, dass Denis Scheck anders als bei unserem ersten Treffen in der Sendung Druckfrisch auch einen Teleprompter verwendet (direkt vor der Kameralinse kann man den vorbereiten Text darauf ablesen). Das tut meiner Bewunderung für seine Eloquenz keinen Abbruch, denn in seinen Interviews mit den besten Schriftstellern der Welt spürt man seine Kompetenz, Einfühlsamkeit und seinen subtilen Humor in jedem Satz.

Die Lesung und das danach

Denis Scheck, Löschs, Danzers und Ex-Verlegerin Ursula Pfeiffer (orange)

Die Lesung selbst beschreibt Gerad Münzenberg im unten angehängten Bericht der Hersbrucker Zeitung, wir wollen mehr auf die absolute Stille und Stimmung unter den Zuhörern eingehen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so hangen die Zuhörer an seinen Lippen, die aber schon nach einer halben Stunde Pause machten, um auch den gerade noch rechtzeitig eingetroffenen Gästen den Genuss der Bratwurst zu empfehlen.

Nach dem zweiten Teil und einer sehr ausführlichen Fragestunde begab er sich in unsere Ausstellung, um dort wirklich unzählige Bücher zu signieren, Ulrike und Martin Lösch waren mit dem Verkauf am sorgfältig zusammengestellten Büchertisch neben der Breitbandschleifmaschine sehr zufrieden.

Doch noch ein wenig Reh und Waldmeistereis

Irgendwie bleiben einige nette Menschen noch während Denis Signierens in meiner Showküche hängen, also machte ich erstmal die bewährten Kartoffelchips, bis sich herausstellte, dass die immer größer werdende Schar auch Lust auf ein wenig mehr hatte. Also zerlegte ich den in weiser Voraussicht aufgetauten Rehrücken und auf am Tepan gebratenen Fladenbrot gab es dann noch kleine Stücke der Rehlende (passend zu Denis Kapitel über die Jagd) und später den ganzen Rücken. Zu dieser Zeit waren die Gespräche mit literarischem Hintergrund auf höchstem Niveau und die kleinen Häppchen ergänzten den intellektuellen Teil mit dem unterschwellig kulinarischem. Begleitet wurde der ganz Abend von dem köstlichen Silvaner von Manfred Rothe aus Nordheim, dem ersten Biowinzer, mit dem wir schon seit dem Jahr 2003 zusammenarbeiten dürfen. Ganz zum Schluss kredenzten wir noch das Waldmeistereis, dem Denis ein eigenes Kapitel in seinem Buch gewidmet hat.  Es wurde gelobt, weshalb wir hier das Rezept und die Zubereitung mit der Ankarsrum veröffentlicht haben.

Ute brachte Denis nicht sehr weit nach Mitternacht ins Hotel, wo er noch weiterarbeitete und am nächsten Morgen nebst bereits erwähntem Riesenkoffer von ihr zum Bahnhof gebracht wurde. Wieder war es für alle Gäste ein ganz besonderes Erlebnis diesen gescheiten Menschen live im persönlichen Gespräch in Unterkrumbach zu erleben, denn in der vorlesungsfreien Zeit hat er sich wirklich mit allen Gästen unterhalten, was mir gerade erst beim Schneiden der Videos aufgefallen ist. Bei der nächsten Druckfrisch Sendung werden ihn unsere Gäste ganz anders wahrnehmen.

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Teil 1 bis zur Pause 30 Min.

Teil 2 nach der Pause 27 Min

Die Publikumsfragen dauerten 31 Min

Das sagte Denis Scheck selbst über die Lesung 28 Sekunden

 

Kulinarisches für Leib und Seele

LESUNG Literaturkritiker Denis Scheck stellte bei den Möbelmachern in Unterkrumbach sein neues Buch „Schecks kulinarischer Kompass“ vor

VON GERDA MÜNZENBERG

UNTERKRUMBACH – Schon zum dritten Mal konnten herwig und Ute Danzer in Kooperation mit der Buchhandlung Lösch in der vollbesetzten Werkstatt ankündigen: „Und hier kommt er, Ihr Streiter für das Gute, Schöne, Wahre: Denis Scheck!“

Martin und Ulrike Lösch boten daher an einem Büchertisch neben seinem Buch auch die von ihm in der letzten „Druckfrisch“-Sendung vorgestellten Werke anderer Autoren an. Denn Scheck war diesmal nicht als Kenner und Vermittler herausragender literarischer Werke, wie man ihn aus den Sendungen „Druckfrisch“ sowie „Lesenswert“ kennt, gekommen, sondern um sein neues eigenes Buch mit dem Titel „Schecks kulinarischer Kompass“ vorzustellen.

Deswegen waren als Rahmenprogramm des Abends neben einer Getränketheke auch auf dem Rost gegrillte Bratwürste vom Schwabhof bei Lieritzhofen für die Besucher bereitgestellt. Denn Scheck lässt die Leser des neuen Buches an seinen Abenteuern und Erfahrungen sowohl in der eigenen Küche als auch an seinen Entdeckungen kulinarischer Kochtraditionen in anderen Ländern teilhaben, die er während seiner zahlreichen Reisen gesammelt hat.

Essenz des Lebens

Im Vorwort zitiert er aus Nietzsches „Ecce Homo“ die Erkenntnis, dass das Heil der Menschheit mehr als an irgendeiner Theologenkuriosität an der Frage der richtigen Ernährung hängt. Ebenso greift er auf Eckart Witzigmanns Aussage zurück, dass Kochen pure Alchemie sei und der Erhaltung des Körpers ebenso wie der Befriedigung des eigenen Willens diene und somit eine wahre Essenz des Lebens sei.

In seiner Einführung vor der Lesung gab der Autor einen wichtigen Einblick in die Hintergründe seiner Affinität zu Kochen und Genießen, indem er erzählte, dass der Grundstein für die spezielle Entwicklung seines Geschmackssinnes von seiner Großmutter gelegt worden sei. Sie habe sich schon zur damaligen Zeit darauf verstanden, die kulinarischen Freuden des Lebens zu genießen. Sie sei Köchin beim ersten deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss und seiner Frau Elly HeussKnapp, der einst hochverehrten Begründerin des Müttergenesungswerks, gewesen.

Kochen ist Meditation

Das Glück des Kochens, so bekennt er, beginne für ihn schon am Gemüsestand des Wochenmarktes oder in ausgewählten Fachgeschäften, wo die natürliche Schönheit der Produkte seine Sinne verzaubern. Der Kochvorgang selbst mit dem vorbereitenden Putzen, Schälen und Schnippeln des Gemüses sowie das Warten während des Garvorganges sei für ihn eine Art Meditation und lenke seine Aufmerksamkeit immer wieder aufs Neue darauf, dass scheinbar Nebensächliches zur Hauptsache werden kann.

Ganz hautnah erfahre er so die Verwandlungen, wie sie Ovid einst in seinen „Metamorphosen“ geschildert hat. Auch Platons Symposion, das am Beginn unserer abendländischen Philosophie steht, komme ihm dabei in den Sinn, wo das Erlebnis des Miteinander-Teilens und -Essens das Gemeinschaftsgefühl entstehen ließ, das uns erst zu sozialisierten Menschen gemacht hat.

Ein neues Gericht zu kreieren, sei für ihn immer ein Abenteuer, in dem auch gelegentliches Scheitern vorprogrammiert ist. Versuch und Niederlage müssen in Kauf genommen werden, damit am Ende das Ergebnis in fröhlicher und friedlicher Runde zelebriert und verzehrt werden kann.

Gemüse als Star auf dem Teller

Schließlich las er einige amüsante Kapitel aus seinem Buch vor, in denen er von seinen kulinarischen Abenteuern in berühmten und weniger berühmten Restaurants in aller Welt erzählt. Als Beispiel sei nur auf ein Ereignis im Pariser Sterne-Lokal im zweiten Stock des Eiffelturms hingewiesen, wo eine spezielle Begebenheit ihn zu der Erkenntnis verholfen hat, dass kleine Geschenke nicht immer die Freundschaft erhalten, sondern gelegentlich Menschen auch zu Bestien werden lässt.

Oder, in einem anderen Kapitel, wie der Besuch des ersten veganen Sternerestaurants „Seven Swans“ in Frankfurt am Main und des vegetarischen Restaurants „Good Friends“ in Berlin ihn letztendlich dazu brachten, dass fortan Gemüse und nicht mehr Fleisch zum Star auf seinem Teller avancierte. Dazu trugen, das sei noch erwähnt, ganz wesentlich auch die beiden Köche Andree Köthe und Yves Ollech vom Essigbrätlein in Nürnberg bei, die für Scheck Deutschlands sensibelste Gemüseköche sind.

Das Buch ist, nach seinen eigenen Worten, entstanden aus der Lust, über den eigenen Tellerrand zu schauen, eigene Lebens- und Essgewohnheiten hinter sich zu lassen und offen für neue kulinarische Erfahrungen zu sein. Es war ein fast kulinarisches Vergnügen, ihm zuzuhören.

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