von | 30. März 2007

Ikea „spioniert“ bei Möbelmachern – Nachhaltigkeit zwischen zwei Welten

BETRIEBS(ver)FÜHRUNGEN, Die Massivholzküche, Jahrbuch, Presse - über und von uns, RUND(um´s)HOLZ | 6 Kommentare

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Knapp 50 Ikea-Green Verantwortliche besuchten die Möbelmacher in Unterkrumbach zum "Nachhaltigkeits-SPionieren bei Nachhaltigkeits-SPionieren." Im Veranstaltungsprogramm kündigte Ikea-Green
Deutschlandverantwortliche Mareke Wieben die Betriebs-ver-führung und gemeinsame Diskussion über Zukunftsfähigkeit, ökologische und soziale Verantwortung geheimnisvoll mit "Spionagebesuch bei einem nachhaltigen Möbelhersteller" an, so dass sich einige Teilnehmer sogar über die Fotografiererlaubnis wunderten.

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Weltunternehmen trifft Dorfschreinerei

Dass die Möbelmacher keine Berührungsängste mit Ikea und am wenigsten mit Ikea Green haben (so heißen die Teamleiter im Bereich Umwelt, Recovery, Produktqualität und Entsorgung – also quasi die Nachhaltigkeitsabteilung von Ikea), liegt nicht nur daran, dass Mareke eine sympathische Ikeanerin ist, sondern an der Erfahrung, dass Nachhaltigkeitsthemen fast unabhängig von der Betriebsgröße verwandt sind und vielleicht auch ein ganz klein wenig daran, dass sich im Handwerk und bei Ikea alle duzen.

Wie´s dazu kam

Im Januar 2006 saß herwig Danzer in einer Jury, die für die Uni Lüneburg in der Ikeazentrale Frankfurt  Masterstudenten benotete. Diese stellten als Abschlussarbeit ein Nachhaltigkeitskonzept für Ikea vor, das sie während einer Woche Praktikums im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet haben (Hier genau erklärt). herwig Danzer zu diesem Erlebnis: "Schon damals war ich völlig überrascht, wie nahe die Empfehlungen der Studenten an der seit Jahren gelebtenIkeabesuch07auto Möbelmacherpraxis waren." Ikea sollte nach den Empfehlungen der Studenten das Augsburger Haus zum "ökologischen Vorzeigeprojekt" machen, statt eines Nachhaltigkeitsberichts lieber etwas" redaktionell unterhaltsam Aufbereitetes" herstellen und eine Ausstellung "Vom Baum zu Billi" kreieren. Zum Vergleich: Die Möbelmacher haben das regionale Musterhaus 2002 gebaut, verschicken ihr Jahrbuch als locker-flockigen Info-Kalender schon als Nummer 11 an ihre Kunden und die Ausstellung auf der Consumenta nannten sie vor 7 Jahren "Vom Baum zu Tisch."

Danach trafen sich Wieben und Danzer bei dem Workshop "Initiative zeigen – Nachhaltig handeln" und einer Tagung von BAUM (Bundes Arbeitskreis umweltbewusster Manager), wo die Idee des Besuchs in Unterkrumbach geboren wurde. Zum alten Schloß in Kleedorf ist ein absolut perfektes Tagungshotel in Sichtweite und ein 20-minütiger Spaziergang im Anschluss an die Betriebs-ver-Führung zum Grünen Baum nach Kühnhofen zum Abendessen wurde das Programm auf das man sich schnell einigte. Beide Häuser ernteten viel Lob für ihren Einsatz.

Betriebs-ver-Führung

Ikeabesuch07auenDer Grötsch-Langstecken-Bus Kleedorf-Unterkrumbach (Fahrzeit 3 Minuten) traf pünktlich ein und der Rundgang um den ökologischen Vorzeige-Gewerbebau dauerte fast eine ganze Stunde. Denn neben allen Holzbeschaffungs-, -Verbrauchs, und  Holzlagerfragen, war vor allem dieIkeabesuch07sge
mobile Säge von Claus Gerstacker interessant. Mit dieser "einzelne Bretter schneidenden Bandsäge" braucht man zwar etwas länger als mit der klassischen Gattersäge, dafür hat man weniger Materialverlust und kann das Material durch das Einstellen auf jeden einzelnen Baum wesentlich besser ausnutzen. Beeindruckt waren die Zuschauer auch von der perfekten Materialverwertung: die anfallende Späne und Rinde wird von den benachbarten Landwirten und Pferdehaltern abgeholt, Schwarten werden zu Brennholz oder Hackschnitzeln weiterverarbeitet. Mit den letzten Resten düngt der Wind die benachbarten Felder.

Ikeabesuchwerkstatt
Nur schwer ließen sich die Nachhaltigkeitsspezialisten aus der Werkstatt ziehen, war die Einzelanfertigung von Massivholzmöbeln mit modernstem CNC-Bearbeitungszentrum doch für die meisten neu. Vor allem die individuelle Verleimung der Möbelseiten und -Böden nach den Kriterien der Optik, der Maserung und nicht zuletzt der Verziehungssicherheit ist für ein auf Großserien spezialisiertes Unternehmen ein ungewöhnlicher Anblick.

In der Ausstellung

Ikeabesuch07jacke2Aber noch interessanter waren die Diskussionen in der Ausstellung im ersten Stock. In einer edlen Ahornküche, die samt Miele Titan-Geräten über 50 000 Euro wert ist, einigte man sich schnell auf die Aussage von Stefan Kirchner, Abteilungsleiter Administration , Ikea Green und Technik im Haus Ulm und früher selbst Schreiner: Ikeabesuch07kche3
"Man bekommt, was man bezahlt." Die Möbelmacher und Ikea haben zwar ein Angebot, das unterschiedlicher nicht sein könnte, aber beide sehen ihre unternehmerische Verantwortung nicht nur in einem vernünftigen Umgang mit den Mitarbeitern und der Region in der sie arbeiten (weltweit bzw. Frankenalb), sondern auch in einem fairen Preis-Leistungsverhältnis für ihre Kunden, das aus Material und Lohnkosten entsteht. Dass die Einzelanfertigung von Massivholzmöbeln leicht 10 mal so viel kosten kann und auch wert ist, wie die Großserie mit Plattenmaterial,  wird bei einer Werkstattbesichtigung deutlicher, als beim Durchblättern von Katalogen. Ikeabesuch07kche
Gleichzeitig sieht die ungewöhnlich besetzte Diskussionsrunde ganz klar die Unterschiede der Bedeutung von Entscheidungen: Wenn Ikea-Green einen Beschluss zur Verbesserung einer Ökobilanz trifft, hat das fast unmittelbaren Einfluss auf das weltweite Klima, bei den Möbelmachern vielleicht grade auf das Betriebsklima. Chefin Mareke Wieben: "Deshalb ist es wichtig, dass wir uns mit offenen Augen auch bei kleinen Vorzeigebetrieben umsehen, denn deren Beispiel kann auf dem Umweg über unsere Materialströme dann doch noch eine große Wirkung entfalten."

Imbusschlüssel als Symbol

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Den übergroßen Imbusschlussel, den Danzer als kleinen Scherz während der Diskussion als Ikeasymbol unauffällig in der Hand hielt, kann man bei keinem Möbelmachermöbel ansetzen, deswegen haben die Unterkrumbacher auch keine Sorge, die gezeigte Miele-Möbelmacher-Titan-Küche könnte im nächsten Ikeakatalog zu finden sein. Der Wortschatz der Nachhaltigkeit allerdings schon eher, weshalb eine kleine kommunikative Kurskorrektur zur Betonung der Unterscheidungsmerkmale von der Masse angestrebt wird: individuelle und kompetente Beratung, die Rohstoffe aus der Region und ein Service zugunsten der Lebensqualität statt der Rabatte werden in Zukunft mehr Betonung bei den Möbelmachern finden, als Nachhaltigkeitsformulierungen, die jeder Haushalt spätestens ab dem neuen Katalog automatisch mit Ikea in Verbindung bringen wird.

 

"Produktqualität ist das Wichtigste" sagt gedankenversunken Edmund Conradi von Ikea Green Deutschland beim Streicheln der massiven Küchenarbeitsplatte aus geöltem Ahorn und denkt dabei zum ersten Mal nicht nur an die eigene Firma, sondern auch an das Design und die Holzverarbeitung der Möbelmacher.

Abendessen im Grünen Baum

Beim köstlichen Abendessen im grünen Baum wurden Geschichten aus der Welt und aus der Region ausgetauscht. Die Ikea-Kampagnen gegen Kinderarbeit und für die von indischen Frauen bestickten Kissen sind vorbildlich, ihre Durchführung bis zum letzten Mitarbeiter vor Ort aber irrsinnig aufwändig und nicht immer leicht zu verwirklichen, beim Tag der Regionen ist das auf einer ganz anderen Ebene das gleiche. Die Suche nach möglichst umweltfreundlichen Autos hat bei beiden Betrieben noch zu keiner endgültigen Entscheidung geführt: was beim Treibstoff technisch machbar ist, erfüllt häufig nicht die vielen anderen Anforderungen, und das Fahrzeug, das diese Anforderungen erfüllt, ist wieder nicht ökologisch genug. So scheiterte zum Beispiel der Versuch der Möbelmacher wenigstens den Gabelstapler mit Pflanzenöl zu betreiben und Ikea kann mit sparsamen Elektroautos für Mitarbeiter nichts anfangen, die untauglich für die Autobahn sind.

Autos
Greenpeace in Kleedorf

Am nächsten Tag spionierten dann die Möbelmacher bei Ikea, denn der Vortrag von drei Greenpeace Mitarbeitern aus Hamburg machte neugierig. Zwar kamen sie ohne Schlauchboot und wollten sich auch nirgendwo anketten, aber das ehrliche Engagement für Umweltbelange kam trotz des vergleichsweise unspektakulären Vortrags gut rüber. Wieder waren sich Ikea und die Möbelmacher einig, dass es wichtig ist, auf die Einhaltung der Forderungen des Forest Stewartship Coucils (FSC) zu achten, trotzdem würde sich Ikea mit der Verwendung deren Logos laut Befragungen eher schaden und für die Möbelmacher ist die regionale Einbindung in die fränkische Forstwirtschaft viel wichtiger, als internationale Labels. Greenpeacewald
Waldexperte Dr. Thomas Henningsen lobte aufrichtig Ikeas Bekenntnis zur fast vollständigen Vermeidung von Tropenholz, lediglich bei einigen Plattenmaterialien ist man noch nicht ganz hundertprotzentig. An dieser Entwicklung hat er selbst seit 1997 mitgearbeitet und es wäre ein langer und anstrengender Weg gewesen. Greenpeace warb um Aufnahme von Infoständen in möglichst vielen Häusern, um dort die Unterstützung und das Geld für die weltweit wichtigen Aufgaben zu sammeln. Als einzig anwesender Ikeakonkurrent erkundigte sich Möbelmacher Danzer nach der angestrebten Kundenfrequenz für so einen Besuch. An normalen Tagen, können das die Unterkrumbacher natürlich nicht bieten und an den hochfrequentierten Tagen während der Veranstaltungen möchte man im Zweifelsfall lieber ehrenamtliche Mitarbeiter haben, als auf Provisionsbasis arbeitende Profis, so einfühlsam diese auch sein mögen. Gleichwohl lobten einige Ikealeute die Mitarbeiter der Greenpeace Infoservice GmbH, die sich auf die Anforderungen der Kundenbefragung sehr schnell einstellten und bei der Leitung der Häuser nach Antworten auf die häufig gestellten Fragen von Ikeakunden suchten.

Fazit

Jede Diskussion über Nachhaltigkeitsthemen nützt, wenn man sie mit engagierten Menschen führt. Ikea ist in vielen Bereichen schon wesentlich besser als sein Ruf, was nicht an der Arbeit für die Sache, sondern an der sparsamen Kommunikation darüber liegt. Während die Möbelmacher im Nachhaltigkeitsblog und im seit 11 Jahren versendeten Jahrbuch das Thema ökologische und soziale Verantwortung fast schon neurotisch transportieren, folgt Ikea noch der schwedischen Doktrin "Tue Gutes und halt die Klappe." Ikeabesuch07knnenmssen
Zwei Extreme, nicht nur im Umsatz sondern auch in der Kommunikation, trafen sich in der spanplattenfreien Zone in Unterkrumbach  und konnten die Motive der anderen danach besser verstehen als vorher. Die Auswertung der Seminarbewertung der Teilnehmer ergab die gleichen Bestnoten für diesen ungewöhnlichen Ausflug, wie für die Diskussion mit der Deutschlandchefin Petra Hesser. Beide Seiten konnten voneinander lernen, nicht zuletzt die Erkenntnis, dass auch der ungewöhnlichste Erfahrungsaustausch Freude machen kann.

Lass diesen Elch an uns vorüber gehen …

Nachtrag: Artikel in der Hersbrucker Zeitung vom 12.April

Alle Fotos sind von Ann-Kathrin Müller, vielen Dank dafür, im Album bei sevenload sind noch mehr davon zu sehen.

Ikea, Nachhaltigkeit und Möbelmacher

Initiative zeigen – Nachhaltig handeln

Ikea Gründer Ingvar Kamprad wird heute 80

Ikea im genialen Greenpeace Spot

Ikea Bausatz für Hooligans

Die Massivholzküchen der Möbelmacher

6 Kommentare

  1. Anita Eberhard

    Mareke Wieben und Ihre Gruppe waren wirklich sehr angenehme Gäste. Wir alle freuten uns, mal wieder eine große Gruppe Leute aus einem ganz anderen Gebiet von Deutschland bedienen und bewirten zu können. Die Resonanz war sehr gut und wir sind anscheinend auch gut angekommen, Trinkgeld war suuuuuuuper!
    Vielen Dank für diesen netten Kontakt und schönen reibungslosen Abend sagt nochmals Eure Anita Eberhard vom Grünen Baum in Kühnhofen.

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  2. Mareke Wieben

    Großen Dank von der IKEA Green-Truppe für den nachhaltig beeindruckenden Besuch bei euch! Ich bin froh, dass keiner meiner Kollegen den Wunsch geäußert hat, in Zukunft doch lieber bei den Möbelmachern zu arbeiten! Und möchte nicht wissen, wieviele heimlich über einen Austausch ihrer IKEA Küche gegen eure Traumküche nachgedacht haben…! Unser Spionagebesuch war auf jeden Fall für unsere Nachhaltigkeitsarbeit sehr inspirierend und wir danken dir und Ute für die herzliche Aufnahme!

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  3. Nachhaltig

    Artikel über uns Möbelmacher im Dürer erschienen

    von Nina Schoproni In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Dürer, ist ein Artikel über den Besuch von Ikea Green bei den Möbelmachern erschienen – und zwar nicht irgendwo – sondern traumhaft auf der ersten Seite platziert!Der Dürer erscheint zwei Mal …

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  4. Billigflug

    Mich nerven die ganzen Spionagefälle immer mehr. Seitdem das Internet boomt, wächst auch der Trieb andere Menschen zu kontrollieren.
    Dieser Trend wirkt sich äußerst negativ auf das gesamte Mitarbeiterniveau aus.

    Im Hinterkopf behält man immer, dass man möglicherweise überwacht wird. Das Vertrauen wurde einem gänzlich entzogen.
    Es ist wirklich nicht schön, mit diesem Negativgefühl zu leben.

    Das Vertrauen in den Einzelhandel ist komplett verloren gegangen.

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  5. herwig Danzer

    Naja, Spionagefall ist in diesem Fall ironisch gemeint, Ikea war ja von mir eingeladen und wir haben gegenseitig was gelernt. Schee wars.

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  6. Ally

    We defintleiy need more smart people like you around.

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