von | 14. April 2018

30 Jahre Möbelmacher – ein Bericht von Michael Scholz in der heutigen Hersbrucker Zeitung

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Michael Scholz, den Chefredakteur der Hersbrucker Zeitung schätzten wir schon als Volontär bei derselben, weil er schon damals sorgfältig recherchierte und immer neue Blickwinkel fand. Umso mehr freut es uns, dass er heute einen Artikel über unser 30-jähriges Jubiläum veröffentlicht hat, der den Kern unserer Philosophie trifft. Hier dürfen wir die etwas längere Vorversion für Sie veröffentlichen:

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HERSBRUCK – Wenn die Hersbrucker Schweiz so etwas wie eine Kommunikationszentrale für die Themen Regionalität, Nachhaltigkeit und auch Cittaslow hat, dann befindet sie sich in Unterkrumbach. Dort haben die Möbelmacher seit 1997 ihre Werkstatt und dort treffen sich seitdem Menschen, die mit Qualitätsware von hier, Koch-Genuss und immer wieder mal auch hochwertiger Kultur einiges am Hut haben. Im Kerngeschäft freilich schreinert der kleine Betrieb mit 15 Mitarbeitern aus heimischem Massivholz individuelle Küchen und Möbel − und dies seit nunmehr 30 Jahren.

Ein Siegel „Made in Hersbrucker Schweiz“ gibt es nicht. Aber vielleicht doch etwas Ähnliches? Denn wo „Möbelmacher“ draufsteht, ist auf jeden Fall Region drin und zwar nicht nur, was die Produktion vom Planen, Sägen, Hobeln, Fräsen, Leimen, bis zum finalen Schleifen und Ölen angeht, sondern angefangen beim Baumfällen in der Hersbrucker Schweiz. Holzquelle sind Wälder beispielsweise im Sittenbachtal, um Hersbruck herum oder auch im Hammerbachtal. Die Möbelmacher sind oft schon bei der Holzauswahl mit von der Partie, ebenso wie beim Sägen dicker Buchenbretter für den eigenen Verbrauch. Gerade diese Woche läuft die Säge wieder heiß.

Dieses Rohmaterial lagert vor der Haustür, mindestens ein Jahr. Wie damit umzugehen ist, damit sich hinterher beim guten Möbelstück nichts verzieht, das ist dann Schreiner-Einmaleins und Sache eines guten Händchens. Know-how haben die Möbelmacher einiges versammelt. Das zeigen alleine schon die vielen Preise für Lehrlinge, für Mitarbeiter und die Firma im Ganzen, die — als Trophäen — wegen ihrer großen Zahl vielleicht sogar eine ganze Wandseite in der 800 Quadratmeter großen Holzhalle füllen könnten.

Glänzende Pokale wären auch eine — zumindest — imposante Kulisse für die Kulturveranstaltungen, die darin regelmäßig stattfinden, zum Beispiel die „Unterkrumbacher Werkstatt-Tage“, die mit viel Aufwand inszeniert immer etwas Besonderes bieten, zuletzt zum Beispiel eine Lesung des Zeit-Autoren Christian Schüle zum Thema „Heimat“ oder auch Michael Rösels Filmvorführung von „Dolores“. An manchen Tagen herrscht vor rustikalem Holzwerkzeug, Maschinen und riesigen Schleifpapier-Lappen nichthandwerklicher Hochbetrieb, etwa, wenn Uwe Timm, Denis Scheck, Friend’n‘ Fellow, Arnoldo Moreno oder das Collegium Musicum dort auftreten.

Es darf eigentlich nicht sein, bis hierher im Text den Geschäftsführer herwig Danzer unerwähnt zu lassen. Ein bisschen Künstlerseele zeigt er gerne, deshalb trägt er zu besonderen Anlässen Holzfliege zum Hemd und schreibt seinen Vornamen auffällig falsch mit kleinem „h“. Er ist es, der ein Talent dafür hat, viele Menschen, oft Gleichgesinnte in und um die Werkstatt, zum Beispiel auch als Fotomodelle im jährlichen Möbelmacherkalender und seit Jahren auch online in verschiedener Form zusammenzubringen und ins rechte Licht zu rücken.

Präsident, OB und Koch Ulrich Maly bereitet ein Spargelgericht mit einem Saibling zu –
Foto: bayernpress/ Udo Dreier – 09.05.2015 – Nürnberg – Ulrich Maly (* 8. August 1960 in Nürnberg) ist ein deutscher Politiker (SPD), Oberbürgermeister von Nürnberg und Präsident des Deutschen Städtetags.
„Hobbykoch“ Ulrich Maly bei einer Kochshow in Hersbruck –

Mal kommt dabei einfach Kultur als Genuss heraus, mal eine Koch-Show für Feinschmecker mit regionalen Produkten, zum Beispiel Steaks vom Hutangerochsen, mal schlägt sein Faible durch für neue und alte Medien mit dem entsprechenden Know-how, ganz vielen Kontakten und dadurch einer ganzen Reihe von Fernsehauftritten der in ihrer Art ziemlich einmaligen Schreinerei.

Ein andermal liefert er eine beeindruckende Demonstration des vermeintlich Unmöglichen: Als die Möbelmacher 2002 ein Musterhaus vorstellten, gebaut einzig aus Rohstoffen und mit Handwerkern der Region. Diese Werbung für die Grundphilosophie der Schreinerei ist kein reiner Eigennutz, sondern immer zugleich auch ein Imagegewinn für die Hersbrucker Schweiz und ihre Vorzüge. Das Musterhaus interessierte überregionale Medien und Fachleute und bedeutete einen gewaltigen Sprung für die Kooperation heimischer Experten im Initiativkreis Holz, der sich in Unterkrumbach gründete.

Ihm gehörten von Anfang an die Waldbauern an. Sie wurden darin befeuert, nicht nur Brennholz, sondern verstärkt Qualitätsholz aus heimischen Wäldern zu liefern, was sie stärkte und sie als Forstbetriebsgemeinschaft zu Pionieren und ernst zu nehmenden Partnern für Hersbrucks Alternativenergie-Projekte machte. Spätestens seit der Zusammenarbeit von Möbelmachern und Naturschutzzentrum Wengleinpark ab 1997 wissen die Bewohner der Hersbrucker Schweiz, dass die gewohnte Kultur- und Naturlandschaft hier nur so schön bleibt, wenn ihre Produkte gut vermarktet werden. Die Möbelmacher zeigen beispielhaft, dass sie etwas wert sind — in ihrem Fall Holz und Handwerkerleistung. Nicht zufällig fand der erste Tag der Regionen überhaupt in der Möbelmacherwerkstatt statt, nur unter anderem Namen: „Regional genießen“.

Das war damals neu und erregte Aufmerksamkeit. Die Möbelmacher sammelten Qualitätssiegel wie Bayern München Titel. Im Detail lässt sich all das auf der Firmen-Website nachlesen, darunter die Anerkennung als bayerischer Umweltbotschafter in den 2000er Jahren, was einem umweltministeriellem Ritterschlag gleichkam. Aber Kern des Ganzen blieb natürlich das Alltagsgeschäft mit der Kundenberatung. Diese trage in Unterkrumbach zwar den selben Namen wie bei Ikea, habe mit deren Massenware aber so wenig zu tun wie er mit Ingvar Kamprad, meint Danzer.

Der Möbelmacher, der sich sein Politik-, Germanistik- und Soziologie-Studium mit handgefertigtem Holzspielzeug verdiente, sieht sich auch als Wohngestalter, wenn er zum spitzen Bleistift greift und einem Kunden die Möglichkeiten von Küche, Wohn- oder Schlafzimmermöbeln, von Raum und Platz in dessen vier Wänden skizziert. Bei allem nötigen Pragmatismus lässt Danzer immer auch mal gerne den Gründergeist von 1988 ein, etwas Revoluzzertum aus der Zeit, als er beim Drachenfliegen zusammen mit Gunther Münzenberg auf die Idee kam, sie könnten doch eine Firma ganz nach ihren Vorstellungen gründen. Die Botschaft bis heute ist bekannt: Regionalität ist viel wert. Massivholzmöbel taugen nicht nur, sondern sind – gemessen an Qualität und Handwerkskunst – auch im Preis konkurrenzfähig. Das Wort Nachhaltigkeit fiel in der Hersbrucker Schweiz vermutlich zuerst bei den Möbelmachern.

Aber es ist nicht einfach: „Das ist noch immer ein Kampf“, sagt Danzer im 30. Firmenjahr. Oder wie lässt es sich in einer schnelllebigen Zeit in die Köpfe bringen, dass jede Kaufentscheidung regionale Wirtschaftskreisläufe stärkt oder schwächt und sich auf das eigene Lebensumfeld auswirkt? Wahrscheinlich so, wie es der 55-Jährige schon immer gemacht hat: Indem er im Herzstück der Ausstellung, in der Küche, Menschen zusammenbringt und sie genießen lässt, was in ihrer Region hergestellt wird.

Dort, an der langen Tafel in der Möbelausstellung, spielte sich im Übrigen auch das erste Slowfood-Essen der Hersbrucker ab, was letztlich zu bundesweiter Aufmerksamkeit für die erste Cittaslow außerhalb Italiens führte und ganz nebenbei das Interesse für die besondere Regionalität der Gegend weiter förderte. Aber das ist eine andere Geschichte „made in Unterkrumbach“.

 

Infos: www.die-moebelmacher.de, www.nachhaltigkeitsblog.de,
Youtube: www.nhblog.de/video

 

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