von | 21. August 2007

Salongespräch in der Werkstatt

Allgemein | 1 Kommentar

Katja Bub schrieb, für die heutige Ausgabe der Hersbrucker Zeitung, einen Artikel über die Lesung von Christian Schüle aus seinem Buch "Deutschlandvermessung"

Salongespräch in der Werkstatt


Christian Schüle las bei den Möbelmachern aus seinem Buch "Deutschlandvermessung"

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UNTERKRUMBACH – Christian Schüle hat bei den Möbelmachern im Rahmen der
10. Unterkrumbacher Werkstatt-Tage sein Buch „Deutschlandvermessung “
vorgestellt. Das war zwar alles andere als leichte Kost. Doch
BR-Moderator Roland Zimmermann stellte immer wieder kritische Fragen
und hakte an schwierigen Stellen nach. Und so verstand das Publikum
ohne weiteres Schüles Botschaft und tat schließlich genau das, was der
Hamburger mit seiner Lesung bezwecken wollte: diskutieren und
nachdenken.

Christian Schüles „Deutschlandvermessung“ oder besser gesagt die „Aufzeichnungen eines alles in allem wohlbehütet aufgewachsenen westdeutschen Bürgers in Sorge um sein Heimatland“ lassen sich nicht zwischen Tür und Angel lesen – mit Absicht. Denn der Autor, der für die Wochenzeitung „Die Zeit“ schreibt, will zum Denken anregen. Mit Argusaugen hat er seine Generation, die Mitt-Dreißiger, unter die Lupe genommen. Die „wuchsen auf, als der Wohlstand prachtvoll blühte und es nichts gab außer Zuversicht“, liest er aus seinem Buch. Das Publikum hört aufmerksam zu. Manch einer nickt leicht, als der Hamburger erklärt, warum er im Jahr 1985 den entscheidenden Wendepunkt sieht, den Beginn der Postmoderne. Verbindliche Lebensentwürfe gab es nicht mehr, alles war möglich, nichts verpflichtend und der „Ichling",

wie ihn Schüle nennt, die voherrschende Gattung: „Die heute Dreißigjährigen sind das erste Kollektiv in Deutschland, das den Pluralismus lebt und verkörpert: den religiösen, ästhetischen, politischen, lebensweltlichen, philosophischen.“ Die fetten Jahren aber sind vorbei, Wirtschaftswunder und soziale Gerechtigkeit zu Traumgespinsten verkommen. „Wir sind die ersten arbeitslosen Akademiker“, betont der Hamburger und liest weiter. „Die, die einen Job haben, schlucken Vitaminpillen und Antidepressiva, um dem Druck am Arbeitsplatz begegnen zu können.“ Zugleich glaubt er bei seinen Altersgenossen eine wachsende Sehnsucht nach Langsamkeit, Substanz, Qualität und Tiefe zu erkennen. Nun sei es an den Mitt-Dreißigern zu entscheiden, welche Gesellschaft sie wollten und unter welchen Bedingungen. Haltung  sei nötig, basierend auf Wahrhaftigkeit, Achtsamkeit, Demut. Jeder habe seine „geistigen Aktien einzubringen in eine Art Berliner Republik GmbH (Gesellschaft mit bewusster Haltung)“, fordert der Zeit-Autor. Sein Plädoyer „fürs kritische Bewusstsein, für Selbstdenkerei, für Haltung“ stößt beim Publikum auf Zustimmung.

Immer wieder stellt Moderator Roland Zimmermann Zwischenfragen, hakt nach, wo Unklarheiten bestehen, und arbeitet so im Zwiegespräch mit Schüle die wichtigsten Thesen des Buches heraus. Auch die slow city Hersbruck bringt er ins Spiel. „Hier wird viel reflektiert – das gefällt mir“, antwortet Schüle. Dennoch wünsche er sich, dass seine Generation mehr Spaß daran finde, miteinander zu reden. Es gelte die Tradition der Salongespräche wieder aufleben zu lassen – ganz egal ob die Teilnehmer dabei auf dem gediegenen Biedermeiersofa sitzen oder auf der modernen Ledercouch lümmeln. Seine Generation habe die Aufgabe, gemeinsam über einen „neuen Bürger“ zu diskutieren. Die Zuhörer erfüllen ihm diesen Wunsch. Noch lange nach der Lesung debattieren sie in Gruppen oder direkt mit dem Autor über dessen „Deutschlandvermessung“, über slow city und die Verantwortung des Einzelnen. Angeregte Gespräche bei den Möbelmachern, umgeben  von heimischem Holz – vielleicht ist das  ja schon der Beginn der geforderten neuen Salonkultur.

Hier der Artikel bei der Hersbrucker Zeitung

Zum Artikel Christian Schüle las aus der "Deutschlandvermessung"
Zum Artikel "Deutschlandvermessung" in Unterkrumbach

Zu der Sonderseite auf unserer Homepage

1 Kommentar

  1. Nachhaltig

    Nachricht aus der Provinz – zur Lesung mit Christian Schüle

    von Gerda MünzenbergLieber Christian Schüle, ich fand es großartig, dass Sie aus der fernen Großstadt Hamburg zu uns in die fränkische Provinz gekommen sind. Sie haben mit der Lesung aus Ihren fulminanten „ Bekenntnissen eines Mittdreißigers“ ein wenig…

    Antworten

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