von | 1. November 2020

Enkeltauglich oder Enkelgerecht? Anselm Stieber beeindruckt mit seinem Plädoyer für intelligentere Arbeit

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Die Buchrezension von Klaus Porta in der Hersbrucker Zeitung

Unser Jahrbuch 2019 hieß: “Für Nachhaltigkeit und eine enkelgerechte Zukunft”, weil wir den gerade häufig verwendeten Begriff “enkeltauglich” ein wenig doof finden. Mit “Enkeltauglichkeit” verbinde ich selbst, dass es gerade so taugt, dass die Enkel halt irgendwie leben können. Aber wenn sie selbst als Vater der Mutter so einen kleinen Mensch in den Armen halten, will man die Zukunft nicht nur gerade so “tauglich”, sondern auch “gerecht” und am liebsten auch ein wenig “schön” gestalten. Gerecht würde ich es empfinden, wenn unser Enkel Leopold die Natur und die Wälder so erleben kann wie wir, wenn er in Frieden und Freiheit aufwachsen und leben kann – in Paris, wo er geboren ist, in Unterkrumbach und auf der ganzen Welt, genau dort, wohin es ihn gerade hinzieht.

Unser langjähriger Freund und Fast-Philosoph Anselm Stieber hat aus der gleichen Motivation für seine schon viel älteren Enkel ein Buch geschrieben, das auf 107 Seiten sehr sensibel beschreibt, wie kritisch er die heutige Arbeitswelt sieht und warum es wichtig ist, sich über die Funktion und die Intelligenz der jeweils eigenen Arbeit in der Zukunft tiefe Gedanken zu machen. Ich finde die Idee grandios, diese Gedanken in einem Essay festzuhalten, das gottseidank nicht nur seinen Enkeln, sondern auch dem Rest der Menschheit nicht zuletzt im Nachhaltigkeitsblog zur Verfügung steht.

Die gelungene Rezension des Buches von Klaus Porta von der Hersbrucker Zeitung dürfen wir dankenswerterweise hier veröffentlichen, aber vorher möchten wir noch seine geniale Metapher von der Effizienz  erzählen, denn vielleicht kann man die Missstände dieser Welt wirklich mit dem Gemüsebeet beschreiben, hier die arg gekürzte Form dieses schönen Bilds:

Effizienz ist nicht alles, ist Effizienz das Problem?

Die Aufgabe lautet: Gieße mit 20 Litern Wasser ein frisch angesätes Beet in möglichst kurzer Zeit.
Normal ist, wenn man seine 10 Liter Kanne nimmt und die 40 Meter am Weg entlang läuft (statt 30 Meter Luftlinie), man muss zweimal gehen und braucht 8 Minuten. Man kann aber auch zwei Kannen tragen, dann braucht man 6 Minuten (weil nur der Weg halbiert wird, nicht aber das Befüllen und Ausgießen).
Anselm beschreibt noch interessante Varianten mit dem Wasserschlauch und dem Rotweinglas (weshalb Sie das Buch unbedingt kaufen sollten), aber die heute am meisten verbreitete Methode ist die der angeblich größten Effizienz:

In 5 Minuten und 30 Sekunden (also mit 8 Prozent Zeitersparnis!) schafft man die Aufgabe, wenn man den Weg durch die anderen Bete abkürzt. Man spart 30 Sekunden, knickt dabei zwei Himbeersträucher, reißt 3 Bohnenstangen aus dem Boden, zertritt 5 Salatköpfe und zermatscht eine Zucchinipflanze.

Unsere Banker und Ökonomen wollen uns weismachen, dass 8 Prozent Zeitersparnis unsere Wirtschaft im Konkurrenzkampf gegen noch skrupellosere Ideen retten werden, wir sollten anhand dieses Bildes verstehen, dass die Grundidee der Effizienz ohne Berücksichtigung der Auswirkungen auf die Umwelt und das Soziale eine falsche Richtschnur sind.

Kaufen Sie das Buch und schenken Sie es Ihren Enkeln oder Kindern, es ist ebenso schnell zu lesen, wie erhellend.
(Natürlich haben wir es auch bei uns auf Lager, es kostet 11,90 €.)

Anselm Stieber ist auch der Erfinder der Handuhr, weshalb uns 2007 Tom Vieweg vom Bayerischen Rundfunk besuchte: https://www.die-moebelmacher.de/produkte/handuhr.html

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Plädoyer für ein intelligenteres Arbeiten

Hersbrucker Autor Anselm Stieber setzt sich in seinem neuen Essay erneut mit dem zerstörerischen Potenzial der Globalisierung auseinander

HERSBRUCK (Klaus Porta) – Die CoronaPandemie hat es wohl auch dem letzten Zweifler knallhart vor Augen geführt: So wie wir Menschen in den vergangenen Jahrzehnten mit der Natur und unseren Mitmenschen umgegangen sind, kann es nicht mehr weitergehen – die zügellose Globalisierung ist ein Auslaufmodell. Sollte sie zumindest sein, fordert der Hersbrucker Anselm Stieber. In seinem Essay „Keine Zukunft ohne intelligente Arbeit“ deckt er schonungslos die allzu offenbaren Missstände des dominierenden Wachstumsglaubens auf und weist einen Weg aus der existenzbedrohenden Krise.

Schon vor vier Jahren hat sich der 82-Jährige in seinem Büchlein „Ringt um eure Verfassung“ sehr kritisch mit der durchglobalisierten Arbeitswelt und deren zerstörerischen Auswirkungen auf Natur (Stichwort: Klimawandel) und Gesellschaften (Stichworte: Spaltung, Ausbeutung) auseinandergesetzt – jetzt legt er einen neuen Essay zum von vielen immer noch allzu gerne ausgeblendeten Thema vor.

Stieber befindet sich damit einmal mehr in bester Gesellschaft. Angefangen mit dem inzwischen 47 Jahre alten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ des renommierten „Club of Rome“ über Stéphane Hessels „Empört euch!“ und Naomi Kleins „New Green Deal“ bis hin zu Papst Franziskus in seiner Rede „Diese Wirtschaft tötet“ übten verschiedenste Autoren immer wieder harsche Kritik am „Verkauf von Demokratie und Menschlichkeit an die Interessen internationaler Konzerne“.

All das kennt der belesene Hersbrucker natürlich und etliches davon fließt auch in sein neuestes
Werk ein, in dem er zunächst das Wesen des Begriffs „Arbeit“ zu ergründen sucht und dessen Entwicklung im Lauf der Geschichte aufzeigt – vom ersten „Homo erectus“, der durch den aufrechten Gang seine Hände frei bekam, um damit etwas möglichst Sinnvolles zu tun, bis hin zu Hannah Arendts düsterer Vorhersage „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“ aus dem 1958  veröffentlichten „Vita activa“, einem Hauptwerk der jüdisch-deutschen Philosophin.

Doch während Arbeit über lange Zeit in erster Linie dem Menschen im Wortsinn die Existenz sicherte, quasi „unser Schicksal“ wurde, wie Stieber schreibt, hat sich das mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert radikal geändert und wurde im Neoliberalismus der vergangenen Jahrzehnte und seinem maßlosen Umgang mit den natürlichen Ressourcen endgültig dem reinen Konsumdenken und Profitstreben großer Konzerne geopfert. „Die Globalisierung beschleunigt die Kumulierung und Konzentration der  Produktion und verhindert lokale, kleinere Modelle und Strukturen und damit die Chance zu einer nachhaltigen, regionalen, wirtschaftlichen und kulturellen Vielfalt“, schlussfolgert der humanistisch  geprägte Hersbrucker.

Arbeit führe heute über die Digitalisierung in globale Abhängigkeiten und zu Gefahren, die nicht
im Ansatz bedacht werden, mahnt Stieber. Wer, um seinem Nachbarn zu imponieren, immer das allerneueste I-Phone-Modell haben muss, denkt eben nicht lange darüber nach, dass dafür Kinder in dunklen Minentunneln im Kongo schuften müssen, um an das für die Lithium-Ionen-Akkus notwendige
Kobalt zu gelangen. Und mit dem „Traum von der KI verleugnen wir endgültig die Verantwortung für die Natur und die Schöpfung“, mahnt Stieber, um nur ja keine Illusion darüber aufkommen zu lasen, als sei der moderne Mensch in der Lage, dem inzwischen an vielen Stellen mehr als offenbaren und wissenschaftlich
längst überzeugend belegten Klimawandel mit Technik allein entgehen zu können.

Stattdessen fordert uns der Hersbrucker auf, unser wichtigstes Werkzeug einzusetzen – unsere Intelligenz, die er ganz pragmatisch als gelungenes Zusammenspiel von Erinnern (beobachten, speichern, wieder abrufen), Erkennen von Mustern (logischen, funktionalen und sozialen) sowie Werten (beurteilen nach objektiven, materiellen und ideellen Maßstäben) definiert. All das jedoch blende der von Stieber  angeprangerte absolute Kapitalismus bewusst aus – er will kein Erinnern, sondern ständig das Neue, verlange „eine latente, möglichst gesteuerte Unzufriedenheit“. Das einzig selig Machende sind dann Wachstum, hohe Kapitalrendite, hohes Bruttosozialprodukt und hohe Einkommen – allerdings nur für wenige.

Nicht weniger schlimm ist für ihn die allzu oft falsch verstandene „Effizienz“. Immer auf der Suche nach
dem bestmöglichen Verhältnis von Aufwand und Ertrag, zieht sie dabei entstehende Kollateralschäden (bewusst) nicht ins Kalkül. Als entlarvendes Beispiel führt Stieber die seit Jahren gängige Praxis der „just in time“-Lieferung an. Damit sparen sich Unternehmen teure Lagerkosten, auf der anderen Seite bezahlen dafür die unter enormem Zeitdruck stehenden Lastwagenfahrer, andere Verkehrsteilnehmer und die  Umwelt teuer, von Straßenschäden gar nicht zu reden. Effizient vielleicht, aber auch „eine intelligente  Lösung im Interesse der Allgemeinheit?“, fragt Stieber eher rhetorisch.

Was also tun? Anselm Stieber  schließt seinen Essay mit einer Reihe von Empfehlungen und Forderungen. Der nach einem neuen Menschenbild etwa, als Gegenentwurf zum verführbaren Konsumenten, der seine Entscheidungen nur nach dem „egoistischen Habenwollen“ ausrichtet und nicht nach ideellen Werten. Oder der, sich endlich vom kapitalistischen Konkurrenzdenken abzuwenden und stattdessen zu kooperieren und in einen „entspannten Wettbewerb zu treten um die besten Ideen und Produkte, der dem Kunden auch  Platz lässt, nach seinen  konkreten Bedürfnissen frei zu wählen“. Und – endlich – aufzuhören, im Dreiklang des gesellschaftlichen Wirkens aus Politik, Wirtschaft und Kultur alles weiter „bedenkenlos der  Maximierung der  Eigenkapitalrendite zu opfern“. Dann könnte auch die Welt von morgen noch eine lebenswerte sein.

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Vita Anselm Stieber

Der Hersbrucker Anselm Stieber setzt sich in seinem neuesten Essay „Keine Zukunft ohne intelligente Arbeit“ erneut kritisch mit der immer rücksichtsloseren Globalisierung auseinander. Geboren 1938 in München, studierte er Wirtschaftswissenschaften mit dem Abschluss als Diplom-Kaufmann und arbeitete zunächst in der Industrie. Den überwiegenden Teil seines Berufslebens verbrachte er im administrativen Bereich der Grundlagenforschung (Max Planck Gesellschaft), zuletzt als Geschäftsführer einer Forschungseinrichtung in Berlin (Bessy), deren Aufbau er zusammen mit zwei Physikern leitete. Im Anschluss daran war er beratend tätig. 1990 kandidierte er auch einmal als Bürgermeister in Vorra.

Anselm Stieber,  Keine Zukunft ohne intelligente Arbeit, VerraiVerlag, 11,90 Euro,
ISBN 978-3-948342-15-9.

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In der Widmung schreibt Anselm:

… meinem Freund und erfolgreichen Vertreter der Idee des “intelligenten Arbeitens”

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