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Lesung mit Christian Schüle aus dem Buch „Heimat“ am 10. Nov. – von Michael Scholz (Hersbrucker Zeitung)

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Heimat als Hort der Geborgenheit

Lesung mit Christian Schüle bei den „Möbelmachern“ am 10. November – Hersbruck als Beispiel

(Michael Scholz – Hersbrucker Zeitung)
UNTERKRUMBACH – Über „Heimat“ zu reden, ist heute
schwierig geworden. Warum eigentlich? Der Publizist Christian
Schüle liefert mit seinem Buch „Heimat – ein Phantomschmerz“
eine erhellende Diagnose und zeigt, wo und wie sich Menschen in
einer sich entgrenzenden Welt heimisch fühlen könnten. Am Freitag, 10. November, 18.30 Uhr, liest er bei den „Möbelmachern“ in Unterkrumbach.

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„Heimat“ ist aktuell ein großes Thema. Die einen fühlen sich nicht
mehr heimisch, weil sich ihr vertrautes Umfeld durch die Globalisierung ändert und weil sie es kulturell von Flüchtlingen bedroht sehen. Die anderen sind nicht mehr  heimisch, weil sie ihr Land wegen Krieg oder Armut verlassen haben. Das Thema ist zweifellos „eines der drängendsten unserer Zeit“.

Nation nicht gottgegeben

So steht es auch auf dem Buchumschlag. Aber ist Heimat tatsächlich
immer ein unveränderlicher Ort, wie Rechtspopulisten
glauben machen, oder doch auch ein von der Herkunft unabhängiges
Gefühl? Auf 250 Seiten betreibt Schüle philosophische Forschung.

In den Verdacht, konservativen Denkschulen nahezustehen, gerät
der Publizist dabei gewiss nicht, wenn er feststellt, dass Heimat irrtümlich immer wieder mit Nation oder einem bestimmten Stück
Land gleichgesetzt wird. Das Spektrum reicht dabei vom einfachen
Patriotismus bis hin zum Missbrauch durch Rassisten.

Dabei werde gerne ausgeblendet, dass eine Nation und ihr Territorium nicht gottgegeben seien. Irgendwann habe es ein Herrscher für seine Dynastie erobert. Von einer Gleichartigkeit der Bewohner könne keine Rede sein, weder in Bezug auf Abstammung
noch auf Kultur. Abschottung schade im Übrigen nur,
eine vitale Gesellschaft brauche neue Einflüsse. Die Zuwanderung
müsse klar geregelt sein, Fremde müssten die Regeln und  Gepflogenheiten der Einheimischen annehmen.

Die Verunsicherung und Angst vor dem Fremden habe aber noch eine andere Ursache als die weltweite Fluchtbewegung: die Globalisierung, die kritisch auch als „Gleichmacherei“ gesehen werden kann. Während die Generation Y mit großer geistiger Offenheit und unter dem Prinzip der individuellen Freiheit die Entstehung einer smarten Globalgesellschaft in Mega- Citys vorantreibe, gehe vor Ort das Geborgenheitsgefühl, als wesentlicher Bestandteil von Heimat, verloren.

Nüchterne Kaufleute wollten das Effizienz-Diktat auch in die Kernbereiche der Grundversorgung pressen, in Infrastruktur, Bildung, Energie, Verkehr und Gesundheit. Bisher funktionierende lokale Einheiten wandern ab in Zentren und Großorganisationen. Schmerzlich erfahren das gerade die Hersbrucker beim Krankenhaus-Thema.

Das Beispiel kommt im Buch nicht vor, aber ein anderes: Schüle
beschreibt, wie die Hersbrucker Schweiz inmitten der „Gleichmachungsglobalisierung“ Charakter zeigt. Die
Marke Cittaslow für Hersbruck und Projekte wie „Heimat auf‘m
Teller“ oder das Hutangerprojekt stellt er als Gegenpol zur globalkapitalistischen Ausrichtung dar: „Handelsketten sind unerwünscht, alteingesessene Betriebe werden bewusst gefördert, historische Flächen aus dem 15. Jahrhundert beweidet“.

Als Heimat tauge letztlich aber nur, was Existenzen sichert und wo
möglichst viele mitmachen. Schüle begründet das sozialpsychologisch: Teilhabe wecke Verantwortungsgefühl,
dies stärke die soziale Gesinnung und motiviere zu Engagement. Und: „Ohne Verantwortung entsteht kein Vertrauen, ohne Vertrauen keine Geborgenheit, ohne Geborgenheit keine
Heimat.“

Sein Blick auf entsprechende Experimente macht Mut. Auf der
ganzen Welt testen Menschen völlig unterschiedlicher Herkunft in
„Utopie-Laboren“, wie sie auf einer überschaubaren Einheit mit
konkreten Sozialbeziehungen wirtschaften können. Sie suchen
eine lokale Antwort auf die globale Entgrenzung. Grundlage sind
sogenannte Commons mit gemeinsamem statt individuellem
Eigentum, organisiert zum Beispiel als Genossenschaft. „Der Gewinn besteht in Lebensqualität, nicht in Geldzuwachs“, erklärt
Schüle. Diese kleinen lokalen Einheiten könnten sich dann größer
aufstellen und sich international zu Kooperativen zusammenschließen.

Schüles Fazit: Zur Heimat könne nur werden, was sich „auf Dauer
durch sich selbst bewährt“ und zudem Vertrautheit, Vertrauen und
Frieden schenkt. Kurz: ein (H)Ort der Geborgenheit.
MICHAEL SCHOLZ

Bei der Lesung stellt Ute Plank ihr Aquarellwerk vor, worauf sie ihre
Arbeit als Lokaljournalistin für die HZ künstlerisch dokumentierte (wir
berichteten). Platzreservierung unter Tel. 09151 / 862 999 oder per Mail
an info@die-moebelmacher.de.

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Alle Infos zum Tag des Schreiners vom Freitag, 10. Nov. 18:30 bis zum Sonntag den 12. Nov. sind hier auf Homepage zusammengefasst.

Unser Beitrag zum Buch im Nachhaltigkeitslog.

Am 19. November 2006 wurde der Besuch Christian Schüles das erste mal in unserem Nachhaltigkeitsblog angekündigt, seitdem wurde er in 53 Blogbeiträgen erwähnt, in knapp 20  davon  geht es um seinen Besuch als Autor der Wochenzeitung „Die Zeit“ um das Dossier mit der Cittaslow Hersbruck oder um seine Lesung in Unterkrumbach zu den Werkstatt-Tagen 2007 oder um seine jeweils neu erschienenen Bücher.

Hier noch ein paar Impressionen von der Lesung 2007, die guten Fotos sind von Thomas Geiger.

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